DANK CHRISTO ÜBERS WASSER LAUFEN

Drei Kilometer lang, 16 Meter breit, 35 Zentimeter hoch. Diese sind die Dimensionen der Stege, welche vom 18. Juni bis zum 03. Juli die am lombardischen Iseosee liegende Gemeinde Sulzano mit den Inselchen Monte Isola und San Paolo verbinden. Dazu kommt noch eine 2,5 Kilometer lange Strecke auf dem Festland. Das Projekt heißt „The Floating Piers“ – zu Deutsch: Die schwebenden Stege  und wurde schon im Jahre 1970 vom weltweit bekannten Künstlerehepaar Christo and Jeanne-Claude konzeptualisiert. Nach dem Tod von Jeanne-Claude im Jahr 2009 hat Christo alleine den Kunstbau zustande bringen wollen: „Die Besucher von „The Floating Piers“ sollten damit erleben, wie es sich übers Wasser – oder vielleicht auf dem Rücken eines Wals – zu laufen anfühlt“, so beschreibt der bulgarische Künstler sein Projekt auf dessen Webseite.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Chisto

Im Frühling 2014 hat die Planung dieses gigantische Projekts begonnen, welches der erste wirkliche Kunstbau des Künstlerehepaars in Italien darstellt. In den vergangenen Werken in Spoleto (1968), Mailand (1970) und Rom (1973-74) handelte sich in der Tat um Verhüllungen schon existierender Denkmale. Mit einem Team internationaler Fachkräfte hat Christo zuallererst alle norditalienischen Seen erkundet, um den spektakulärsten Standort zu finden. Nach dem Wahl des Sees Iseo in der Provinz Brescia – 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig – wurde sofort und intensiv daran gearbeitet:  Genehmigungen wurden bei dem privaten Besitzer der Insel San Paolo und den regionalen Behörden eingereicht, 200.000 Kubikmeter Schwimmwürfel hergestellt, Tests durchgeführt und 100.000 Meter hellgelben Stoffs auf den Stegen ausgedehnt.

Die Verhüllung der Stege hat aber erst am Tag vor der Eröffnung mit einer aufwendigen Aktion hunderter Mitarbeiter stattgefunden. Einerseits wollte der Künstler den Überraschungseffekt mit seinen Besuchern nutzen, andererseits braucht der Stoff nicht mehr als die geplanten 16 Tage der Installation, damit sich das Hellgelb in die vom Christo gewünschten roten und goldbraunen Nuancen durch das Seewasser umwandelt.

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Christo is watching a diver hooking a fabric panel to the side of a floating pier, June 15, 2016 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

Wie jedes andere Projekt von Christo and Jeanne-Claude gibt es auch für „The Floating Piers“ keine Eintrittskarte und keine Öffnungszeiten. Der Künstler finanziert sich selbst durch den Verkauf seiner Werke an privaten Sammlern, Museen und Kunstgalerien. Daraus arbeitet der 81-jährige Künstler durchschnittlich 14 Stunden am Tag, egal ob in dem ausländischen Hauptquartier eines seiner Projekte oder ob in seinem New-Yorker Studio in Soho, wo er mit Jeanne-Claude im Jahr 1964 umzog. Alle Materialien werden nach Installationsende abgebaut und wiederverwertet.

„Genau wie ein Maler, der sein Gemälde mit bestimmten Farben füllt, nicht weil er jemandem gefallen möchte, sondern weil er einfach diese Farben mag – so habe ich auch mit diesem Projekt gemacht“, erklärt Christo in einem Interview an der britischen Zeitung Daily Mail.  Das Wasser, die Sonne, die Kilometer, der Wind, der Schreck, die Freude: alles müsse echt sein – berichtet Christo weiter, der selbstverständlich Handys und Rechner verabscheue, weil er „the real thing“ bevorzuge.

Erwartet sind insgesamt 1,5 Millionen Besucher, über welche auch das Gastgewerbe der Provinz Brescia sich natürlich sehr freut. Die Sicherheit der Installation – die von 120 Bademeistern und 150 Stewards beziehungsweise auf Booten und auf dem Festland bewahrt wird –  ist natürlich wetterabhängig: Sei das Seewasser unruhig, muss die Anzahl der erlaubten Personen auf den Stegen – rund 10.000 Köpfe am Tageslicht, 4.000 in der Nacht – stark reduziert werden. Auch bei schönem Wetter kann zu Stoßzeiten die Wartezeit an der Küste bis zu zwei Stunden dauern.

Parken kann man in den 11 eingerichteten Parkplätzen rund dem See. Von dort aus ist der Installationseintritt in Sulzano durch Shuttles oder Fährschiffe erreichbar. Der Eingang zur Gemeinde Sulzano wird für die 16 Tage der Installation gesperrt. Die einzige Ausnahme betrifft die 1.917 Einwohner und die Autofahrer, welche den Polizisten eine gedruckte Kopie der Buchungsbestätigung vonseiten der einzigen buchbaren Parkplatz der Gemeinde (Parkplatz Gerolo) vorzeigen können.  Alternativ  kann man Sulzano mit dem Zug erreichen.

Auf den Stegen verboten sind Stöckelschuhe, Fahrräder, Regenschirme, Sprünge und das Rauchen. Hunde müssen Maulkörbe tragen. Erlaubt und sogar von Christo empfohlen ist barfuß auf den Stegen zu laufen. Mitbringen sollte man Sonnenhüte, Sonnenbrillen und hauptsächlich Geduld.  Am ersten Wochenende wurden für einige Stunden aufgrund der sehr hohen Besucherzahlen und des Regens sowohl den Eintritt zur Installation als auch die Züge und das Shuttle-Service nach Sulzano gestoppt.

Trotz des Chaos sind aber die Kommentare der Besucher durchaus positiv: „Als ich auf dem Festland zurückkam, habe ich sofort gedacht „Mensch, ich will zurück““, erzählt eine begeisterte 31-jährige Ingenieurin. Von oben, bei Nacht, mit wenigem Gewühl würde sie die Installation gerne nochmals erleben: „Ich will einfach dem Künstler danke sagen: Sein Kunstbau verschmelzt sich respektvoll mit der Natur, und trotzdem unterscheidet sich davon“. Mitreißend vom Scheitel bis zur Sohle sei die Erfahrung für eine 38-jährige Pädagogin gewesen: „Überraschend wie die Idee eines Einzelnes, so viele Leute ansprechen kann. Man braucht nicht viel, um Menschen zusammenzubringen. Das lassen uns manchmal die neuen Technologien vergessen.“

Auch die anfänglichen Zweifler sind im Endeffekt mit der Erfahrung zufrieden: „Man hätte vielleicht die Installation und deren Areal mit Fotos oder Texte bereichern können“, berichtet der 31-jährige Carlo, „Unschätzbar ist aber das Gefühl, die Stärke der Wellen unter den Fußen zu fühlen“.  Wir mögen klein und vergänglich sein, aber dazu seien wir fähig, wunderbare Schönheit zu erschaffen, sagt er weiter. „Ich fühlte mich ein wenig verwirrt und seekrank“, erzählt die 26-jährige Francesca, die auch anfänglich von der Installation Christos nicht genau überzeugt war, „Nach ein paar Metern habe ich mich aber einfach darauf verlassen: Es war als ob ich ruhig und im Einklang mit dem See und der Landschaft obenauf schwamm“.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

Die abgelegensten Orte der EU: Curaçao

Vier der 24 Amtssprachen der Europäischen Union werden auf der Karibikinsel Curaçao gesprochen: Niederländisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Dazu kommt auch die Kreolsprache Papiamentu, die aus einer Mischung all dieser vier europäischen Sprachen besteht. Auf der zum Königreich der Niederlande gehörenden Insel wohnen Menschen von mehr als 50 Nationalitäten.

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Bunte Fassaden prägen das Stadtbild der Hauptstadt Willenstad – © Howard Lifshitz/ Flickr (Link) / CC BY-SA 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Grund dieser Vielfalt ist die lange Geschichte der Insel, die schon seit 4000 vor Christus von den indianischen Ureinwohnern Arawak bewohnt war. Mit der Besiedlung der Spanier im Jahre 1499 wurden die Arawak zum Teil getötet, zum Teil zu Zwangsarbeiten aufs Festland gebracht. 1634 wurde die Insel durch die niederländische Westindien-Kompanie erobert, und seitdem – mit Ausnahme von kurzen französischen und englischen Eroberungen – ist die Insel niederländisch. Von 17. bis zum 19. Jahrhundert wirkte Curaçao als einziges Zentrum für den karibischen Sklavenhandel: Die Sklaven wurden von Afrika bis zur Insel transportiert, und von dort aus nach Südamerika oder der Karibik gebracht. Mit der Abschaffung der Sklaverei von Seiten der Niederlande im Jahre 1863 verlor die Insel wirtschaftlich an Bedeutung.

Erst als in Venezuela in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundert Erdöl und andere Rohstoffe entdeckt wurden, konnte sich die Wirtschaft der Insel wieder erholen. Die Lage Venezuelas war nämlich allzu instabil und unsicher, um direkt dort das Erdöl zu verarbeiten. Das niederländische Mineralöl- und Erdgasunternehmen Shell entschied sich also dafür, in der nahen und ruhigen Willemstad – die einzige Stadt und daher die Hauptstad der Insel Curaçao – die Erdölraffinerie zu bauen, die noch heute eine der größten der Welt ist. Die Umweltauswirkungen der Raffinerie sind seit Langem ein Thema für verschiedene Umweltschutzorganisationen, welche die Ölanlagen lieber abgerissen sehen würden. Von 1954 bis 2010 gehörte Curaçao zusammen mit den anderen fünf niederländischen Karibikinseln Aruba, Bonaire, Saba, Sint Eustatius und St. Martin dem Landesverband der Niederländischen Antillen an. Nach zwei Volksabstimmungen in den Jahren 2005 und 2009 wurde das Überseegebiet am 10. Oktober 2010 schließlich aufgelöst. Damit wurde Curaçao ein eigenständiges Bundesland des Königreichs der Niederlande.

Heute basiert sich die Wirtschaft der Insel auf Erdöl, Hafen und Offshore-Banking. Der größte Devisenbringer ist aber mit Abstand der Tourismus. Rund 340.000 Besucher werden jährlich von den 150.000 Inselbewohnern empfangen. Gelockt werden die Touristen sowohl von den Traumstränden und dem Wasser der Insel als auch von deren Klima. Dank ihrer sogenannten Lage „unter dem Winde“ wird Curaçao im Vergleich zu den Inseln im nördlichen Teil der Antillen selten von Hurrikanen betroffen und hat ein weitaus trockeneres Klima. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr hindurch zwischen 24 °C und 32 °C.

Besonders beliebt ist die Insel bei niederländischen Rentnern, die von Dezember bis April in den farbigen Kolonialbauten der Hauptstadt Willemstad überwintern. Junge Leute und Nachtschwärmer bevorzugen den südwestlichen Stadtteil Otrobanda, der verschiedene Bars direkt am Meer bietet. Da das Korallenriff sehr nah an der Küste liegt und in wenigen Minuten vom Strand aus erreichbar ist, wird Curaçao auch als Tauchbasis für Anfänger genutzt. Kulinarische Spezialitäten sind gekochter Leguan und der Likör Curaçao, der aus der Schale der Pampelmuse hergestellt wird und je nach beigegebenen Farbstoff blau, rot, grün oder gelb sein kann.

“Die abgelegenste Orte der EU” ist ein Sammelbeitrag mehrerer Autoren, der im Laufe des Monats auf Treffpunkt Europa erschienen wird. Es werden faszinierende Orte vorgestellt, die geografisch tausende Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt, aber tatsächlich Teil der EU sind. Mein Artikel zum Thema “Curaçao” ist der zweite der Serie und ist am 15. Juni unter folgendem Link erschienen:

Die abgelegensten Orte der EU: Curaçao

Vier der 24 Amtssprachen der Europäischen Union werden auf der Karibikinsel Curaçao gesprochen: Niederländisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Dazu kommt auch die Kreolsprache Papiamentu, die aus einer Mischung all dieser vier europäischen Sprachen besteht. Auf der zum Königreich der Niederlande gehörenden Insel wohnen Menschen von mehr als 50 Nationalitäten.

 

Die abgelegensten Orte der EU: Lampedusa

Politisch italienisch, geografisch afrikanisch. Die Insel Lampedusa gehört der sizilianischen Provinz Agrigent, liegt aber nur 113 Kilometer von den tunesischen Küsten entfernt, und ist deshalb Teil der afrikanischen Platte. Aufgrund ihrer Nähe zu Nordafrika wurde Lampedusa in den letzten Jahren als „Flüchtlingsinsel“ weltweit bekannt. Rund 21.000 Flüchtlinge landen nämlich jährlich an der Küste dieser Insel, deren Aufnahmezentrum offiziell 800 Leute beherbergen kann.

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Boote vor der Küste Lampedusa – © Luca Siragusa / Flickr (Link) / CC BY-SA 2.0 – Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Schon lange vor dem neuerlichen internationalen Medieninteresse haben aber die 6.537 Bewohner der südlichsten Insel Italiens ihre Großzügigkeit gegenüber den Migranten gezeigt: Auf das Jahr 1992 geht nämlich die erste Landung von Flüchtlingen – damals 71 Maghrebiner – zurück. Seit damals wurden mehr als 400.000 Personen auf Lampedusa aufgenommen, rund 15.000 dagegen sind kurz vor der Rettung ums Leben gekommen. Den Menschen, die ihre Flucht nach Europa nicht überlebt haben, hat der italienische Künstler Mimmo Paladino im Jahre 2008 das Denkmal „Das Tor von Europa“ gewidmet. Überall auf dem fünf Meter hohen Tor, welches sich auf einem Felsvorsprung im Südosten der Insel befindet, sind von Flüchtlingen verlorene Gegenstände zu erkennen. Das Zeigen persönlicher Objekte ist ein roter Faden, den man auch in der Dauerausstellung „PortoM“ des einheimischen Kulturvereins Askavusa wiederfinden kann. Gegenstände von Kleidung über Töpfe und Trinkgefäße bis hin zu religiösen Schriften und Schmuck haben die ehrenamtlichen Mitglieder des Kulturvereins in einer Felsengrotte in der Hauptstadt Lampedusas ausgestellt.

Widersprüchlich – oder sogar grotesk – mag es klingen, aber Lampedusa nicht nur ein Flüchtlings-, sondern auch ein Urlaubsziel. Die größte der italienischen Pelagischen Inseln im Mittelmeer rühmt glasklares Wasser und strahlend weiße Sandstrände, welche einem karibischen Paradies in nichts nachstehen. Ein Beispiel davon ist die Isola dei Conigli – zu Deutsch: Kanincheninsel –, die im Jahr 2013 von den Nutzern der Touristikwebseite TripAdvisor zum schönsten Strand der Welt gewählt wurde. Trotz ihres Namens befinden sich auf der kleinen Insel keine Hasen. Wie man es auf einer englischen Seekarte des 19. Jahrhunderts lesen kann, wurde die Insel ursprünglich „Rabit Island“ genannt. Die Übersetzung ins Italienische erschloss sich aus dem Englischen, obwohl es heutzutage wahrscheinlicher ist, dass der Name „Rabit“ eigentlich aus dem Arabischen kommt, auf das so viel wie „Verbindung“ bedeuten würde. Eine solche Verbindung kommt nämlich zustande, wenn zuweilen eine sandige Landbrücke zwischen der Isola dei Conigli und Lampedusa entsteht. Das letzte Mal entstand dieses Phänomen im Jahr 2008; von Lampedusa bis zur Isola dei Conigli kann man aber jederzeit spazieren, da die 30 Meter lange Strecke ein Wassertiefe von nur 30 bis maximal 150 Zentimeter hat.

Zwischen Mai und August legen die vom Aussterben bedrohten Karettschildkröten auf der Kanincheninsel ihre Eier ab und vergraben sie im warmen Sand. Daher wurde das kleine Eiland im Jahr 2002 unter Naturschutz gestellt, und ist seitdem Teil des Naturschutzgebiets, welches seit 1995 den Bestand der ganzen Insel Lampedusa bewahrt. “Schwimmbad Gottes” hatte Domenico Modugno die Kanincheninsel genannt. Dem italienischen Sänger, dessen Lied „Nel blu dipinto di blu“ immer noch ein internationaler Hit ist, lag die Insel Lampedusa besonders am Herzen. Und sicherlich hätte er sich für seinen Tod nichts anderes gewünscht, als das, was 1994 wirklich geschah: Bei Sonnenuntergang in seiner geliebten Villa vor dem himmelblauen Wasser der Isola dei Conigli sein Leben zu lassen.

Was das Klima betrifft, ist es auf der Insel Lampedusa das ganze Jahr mild. Die Temperaturen sind im Januar und Februar mit einem Durchschnitt von 13 °C am kältesten, im Juli und August können sie hingegen die 40 °C erreichen, dazu wird es aber auch angenehm windig. Baden kann man von Mai bis Oktober. September ist in jeder Hinsicht der beste Monat: Das Wetter ist noch warm und sonnig, es gibt kaum Touristen, das Meer ist ruhig und alles viel billiger.

“Die abgelegenste Orte der EU” ist ein Sammelbeitrag mehrerer Autoren, der im Laufe des Monats auf Treffpunkt Europa erschienen wird. Es werden faszinierende Orte vorgestellt, die geografisch tausende Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt, aber tatsächlich Teil der EU sind. Mein Artikel zum Thema “Lampedusa” ist der erste der Serie und ist am 10. Juni unter folgendem Link erschienen:

http://www.treffpunkteuropa.de/die-abgelegensten-orte-der-eu-lampedusa

Flüchtlings-Doku „Fuocoammare“ – eine Lektion für Europa

Die italienisch-französische Dokumentation „Fuocoammare“ handelt von Parallelwelten auf der Mittelmeer Insel Lampedusa. Einerseits zeigt sie den Alltag der Inselbewohner, andererseits das Leben der Flüchtlinge, die sich über das Meer gerettet haben. Das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten spiegelt den Zustand Europas wider. Und daraus kann man vieles lernen.

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Nach dem Erfolg seines Films “Das andere Rom”, der bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2013 als erster Dokumentarfilm den Goldenen Löwen gewann, verbrachte der 52-jährige italienische Regisseur Gianfranco Rosi ein Jahr auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. In diesem Jahr begleitete Rosi sowohl den Alltag des zwölfjährigen Samuele als auch die Arbeit der Helfer, die sich mit den Ausschiffungen und dem Tod tausender Flüchtlinge täglich beschäftigen.

Aus dieser Erfahrung stammt der Dokumentarfilm Fuocoammare (sizilianisch für „Feuer auf See“), welcher bei der Berlinale 2016 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der Film zeigt das geteilte Leben der Einwohner von Lampedusa und der Flüchtlinge. Als einzige Verbindung zwischen den zwei Welten steht im Film der Doktor Pietro Bartolo, welcher Inselbewohner und Geflüchtete auf gleiche Art und Weise behandelt.

Und ausgerechnet Bartolo wurde von Regisseur Rosi darum gebeten, den Goldenen Bären auf die Insel zu bringen. Den Preis habe Rosi nämlich den Menschen auf Lampedusa gewidmet, die seit mehr als zwanzig Jahren ihre Herzen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen öffnen. „Ich hoffe, dass dieser Film dazu beitragen wird, ein wenig Bewusstsein zu schaffen“, sagte Rosi auf der Bühne der Berlinale. „Das ist nicht akzeptabel, dass Menschen sterben, während sie versuchen, der Tragödie zu entkommen und über das Meer zu uns zu kommen.”

Fuocoammare vince a Berlino: è Orso d'Oro

Fuocoammare sei aber kein politischer Film, wie Rosi in einem Interview für die italienische Tageszeitung „la Repubblica“ berichtet: „Ich wollte weder jemanden beurteilen noch eine Lösung anbieten. Der Film ist eher ein Schmerzensschrei, welcher ein unbestrittenes politisches Gewicht hat.“ Und genau dieses unbestrittene politische Gewicht lässt den Zuschauern keine Möglichkeit, als über die bisher unternommenen Maßnahmen der Europäischen Union und des Westens in Allgemeinen nachzudenken.

Interessant sind die Analogien, die man im Alltag des zwölfjährigen Samuele gegenüber dem europäischen Handeln finden kann. Samuele – der zum heimlichen Hauptdarstellers des Films wird – wohnt auf einer Insel und kommt aus einer Fischerfamilie, aber beim Bootsfahren wird ihm übel. So ähnlich verhält es sich auch mit der Europäischen Union, die laut dem Vertrag von Lissabon auf der Achtung und Wahrung der Menschenwürde gegründet ist und sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität auszeichnet. In der Praxis der Flüchtlingskrise wurden aber bisher solche Werte nur sehr geringschätzig behandelt und von einer begrenzten Anzahl von Ländern bewiesen. Das jüngste Beispiel dafür ist der Bau einer Barriere am Brennerpass und der diesbezüglich ungehörte Appell Italiens.

Im weiteren Verlauf attackieren Samuele und ein Freund eine Reihe von Kakteen mit selbst gebauten Steinschleudern, um sie dann im nächsten Schritt sorgsam mit Klebeband zu reparieren. Einfache Trostpflaster sind auch die von der EU unternommenen Versuche, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. So zu verstehen sind nicht nur alle Marineoperationen (Mare Nostrum und Triton), sondern zuletzt auch das Abkommen mit der Türkei, welches das Problem nur eindämmt, aber nicht löst.

Darüber hat sich auch Bartolo als Gast einer Veranstaltung rund um den Film Fuocoammare am Freitag, den 22. April, in Rom geäußert. Wie er berichtet, haben paradoxerweise die Schlepper von den Marineoperationen profitiert, welche die Flüchtlinge in immer kleineren, klapprigeren Kähnen einschiffen können. Seiner Meinung nach sollte man in Tunesien ein Basiscamp einrichten, um die Flüchtlinge direkt von dort aus einschiffen beziehungsweise verteilen zu können. „Die Wahrheit ist aber, dass man es einfach nicht will. Und der neue Türkei-Plan ist die letzte Schande Europas”, so Bartolo.

Eine weitere Parallele zwischen Samuele und der EU zieht die Spezialbrille, welche der Junge von Doktor Bartolo bekommt, um sein träges linkes Auge zu trainieren. „Eine zufällige aber perfekte Metapher“ – berichtet der Regisseur in einem Interview für die italienische Zeitschrift „Panorama“. Rosi weiter: „Ein träges Auge hat auch Europa, das überhaupt keine Lust hat, diesen epochalen Notstand weder einzusehen noch zu bewältigen.“

Der gleichen Meinung soll der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi gewesen sein, der jedem Regierungschef beim EU-Gipfel am 7. März eine DVD von „Fuocoammare“ zusammen mit einer persönlich adressierten Karte geschenkt hat.

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Das Geschenk des Premierministers hat die Augen der EU-Chefs offensichtlich nicht geöffnet. Aber so wie Samuele schließlich lernt, selbst ein Ruderboot zu lenken, was ihm anfangs nicht recht gelingt, gibt es auch für Europa noch Hoffnung. Auf der Bühne der Berlinale erzählte Rosi eine kleine Anektode: „Ich habe Doktor Bartolo einmal gefragt, was es ist, das Lampedusa zu einem so großzügigen Ort macht, und er sagte mir, dass Lampedusa ein Ort der Fischer ist. Und Fischer akzeptieren immer alles, was über das Meer kommt.“ Und das sei vielleicht eine Lektion, die wir alle lernen sollten: Das anzunehmen, was uns das Meer schenke.

Fuocoammare wird unter dem Namen „Seefeuer“ vom 28. Juli an auch in den deutschen Kinos gezeigt.

 

Dieser Artikel ist am 27.04.2016 auf treffpunkteuropa.de unter folgendem Link erschienen: 

Flüchtlings-Doku „Fuocoammare“ – eine Lektion für Europa

Die italienisch-französische Dokumentation „Fuocoammare“ handelt von Parallelwelten auf der Mittelmeer Insel Lampedusa. Einerseits zeigt sie den Alltag der Inselbewohner, andererseits das Leben der Flüchtlinge, die sich über das Meer gerettet haben. Das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten spiegelt den Zustand Europas wider. Und daraus kann man vieles lernen.

TOM BALLARD: AN INTERVIEW WITH THE NEW KING OF THE ALPS

aSo non-athletic as I am, I am still wondering why this flyer caught my eyes and made me want to sit on a Friday night at a local section of the Italian Alpine Club attending a conference about mountaineering.

It turns out, I am really glad it did. Not only did I get to appreciate a sport I had never really considered before, but I also had the chance to meet an incredible young man so passionate about his way of living and determined I could not help but feel touched by his words.

This young man’s name is Tom Ballard and, at 27 years old, he is the first person ever to have solo climbed all six major North faces of the Alps in just one winter.

With this triumph – which is being described as one of the greatest feats in mountaineering history – Tom literally followed his mother’s footsteps and outdid them. In fact, his mother too – the great British mountaineer Alison Hargreaves killed by the 1995 K2 disaster – broke the same record back in 1993 but in a far mildest season: summer.

Kate, Tom, and Alison enjoying a wonderful bivouac, summer 1993

Tom (in red), his sister Kate (now a professional snowboarder) and their mother Alison Hargreaves in 1993.

Through breathtaking videos and pictures, Tom took the very large audience attending the conference on his intrepid “Starlight and Storm” project, virtually re-experiencing with us his difficult conquest of Cima Grande di Lavaredo, Pizzo Badile, Matterhorn, Grandes Jorasses, Petit Dru and the Eiger.

I was so inspired by Tom’s accomplishments, his humility and composure that I felt the urge to share his story with someone. Since there was no better way to do it than through this blog, there I was, contacting Tom through his Facebook page and sending him a flood of questions. Which he actually answered one by one, with friendliness and a lot of patience.

So here it is: the complete interview with Tom Ballard. Enjoy!

I am a complete novice in mountaineering – or, better said, I do not know anything about it. So, how would you explain what you do to people like me? Let us call it a brief “Mountaineering for dummies”.

Tom: Mountaineering is in many ways very simple: the idea being to start at the bottom and reach the highest point of the mountain, then safely down again. It starts to become more complex when you come to choose which route, perhaps the easiest or even the hardest, and even more intricate deciding on the style of ascent. For true Mountaineers the attainment of a peak by any means is not true Mountaineering, the style in which we get there is our main goal!

I do not know if it is only me, but what you do seems pretty crazy. What is your drive that makes you wake up in the morning and decide to make such an incredible effort? What do you feel at the top of that cliff that makes you want to do it again and again?

Tom: There is some invisible force that pulls me towards the mountains. Usually at the top of a climb, i feel a huge relief. Of course I’m not totally relieved until I am safely off the descent and back on easy ground. Then I am intensely happy.

You have been travelling and climbing since you were a 6-months-old fetus [ed.: Alison Hargreaves was pregnant with Tom, when she climbed the Eiger with a partner in July 1988]. What about school?

Tom: All I wanted to do when I was at school was to leave. I left as early as I could. Even the last years of High School I was often to be found climbing in the mountains and glens that overlooked my prisonlike school, whilst my classmates laboured on.

Seeing the pictures of you climbing – which means literally seeing every muscle of your body at work – , it must take a lot of training. What is your daily routine? Are you on a special diet?

Tom: I am a vegetarian and I can’t eat fish. My staple foods are pasta and biscuits! My Eiger climbs (I have spent more than 100 days on the North Face) were fueled daily with jam sandwiches!

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Tom on the Matternhorn North Face.

During the conference, you said on the route you just concentrate on what you are doing and think about nothing else. The night before it, on the contrary, your thoughts do not let you sleep. What are these thoughts about?

Tom: The night before a big climb, often in a tent or bivy, I usually don’t sleep that much. Constantly keeping an eye on the weather. The approach to the climb is the worst, I walk/ski very fast to somehow drown out the negative thoughts and doubts swirling through my mind. I’m thinking about the route, will I find the correct way? Will those clouds disperse? Is my fitness up to it? How is the descent? But once I have actually started climbing (and stopped shaking!), I soon get into the rhythm. Then its like being in a bubble, nothing else matters except the next hold, and the next after that…

 You often climb solo. The German language distinguishes between “Einsamkeit” and “Alleinsein”. Einsamkeit has a pretty negative connotation and means feeling alone, having no one to share with, because no one really understands you. On the contrary, “Alleinsein” is not a feeling, but a status: it means deliberately distancing yourself from others and enjoying your own company. Do you recognize yourself in any of these two words?

Tom: In a sense I am never totally alone because the mountain is a living being, breathing, moving, changing and, like me, silent! 

If I were a relative/friend of yours, I would be so sick worried about your ventures. Do you ever feel guilty towards them?

Tom: The answer to that question is yes! Solo climbing is selfish in the way that it involves and yet isolates those closest to you.

During the conference, you showed a lot of pictures and videos and every time I thought “That is too much, he is going to fall”, but obviously you did not. Have you ever felt that way too? Which was the most risky experience you have ever faced and how did you manage to get off it? Do you always know when you have reached your limits and cannot go any further?

Tom: There are so many times when I have turned back, said no. When things don’t feel right, for even the slightest reason, it is better to go away and return at a different oppurtunity. As the legendary Don Whillans said: “The mountains will always be there, make sure you are!”. [ed.: Don Whillans (18 May 1933 – 4 August 1985) was an English rock climber and mountaineer]

mixed climbing in Switzerland 2011

Tom mixed climbing in Switzerland back in 2011

Mountaineering is an extreme sport. Do you think one can practice it also in a non-extreme way? In other words, do accidents happen because the climbers do not know their limits/want to cross that line, because of bad luck or because of the activity itself?

Tom: First of all, I think Mountaineeering is more of a lifestyle choice rather than a sport. Accidents, by its very own definition are just that! Things that happen, a falling rock, a slight slip, a broken cornice…
Many blasé climbers have walked away unscathed, and numerous people who have been cautious have paid the ultimate price.

We heard it from you and saw it in the pictures: you and your dad James travelling around in the legendary van and sleeping in tents. That is not an expensive lifestyle for sure, but I guess mountaineering is. So how do you earn your living?

Tom: Mountaineering is not really a job, of course I must be professional, but it is a passion. My passion. For several years my father and I were travelling around in the van, living out of it. We survived only with his small pension. Now that I have become more “famous”, I earn some money giving lectures, and from sponsors. This year I had enough money to travel to America and Korea to compete in the Ice Climbing World Cup. But perhaps I should have used the money to improve my living circumstances? I still live in the van, but in a more permanent position, with a couple of ramshakle tents, one of which is the kitchen. [ed.: Tom’s actual residence is his basecamp in Val di Fassa in the Dolomites]

On your FB-page you name various projects you have sent or demonstrated. What does project in “mountaineerish” mean? And what does that D stand for? Can you give us a sneak peak of your next projects for 2016?

Tom: D stands for Dry. A route that can be climbed in any season. As opposed to M, Mixed, where it must be cold, frozen and usually some ice, often winter. I have been developing a huge roof on the Eastern flank of the Marmolada. The routes I have spent so much time and effort on have become some of the hardest in the world. Hardest in the world for this specific type of climbing. Using ice axes and crampons on radically overhanging rock. It was originally devised for training, some of us have taken it a few paces further.

During the conference, we heard about some movies of yours being awarded. What are their titles and by whom were they awarded? Will we be seeing you on the big screen soon?

Tom: The film ‘TOM’ is about my climbing last winter, the six North faces. It has been filmed by a compact Italian/Spanish trio, and like my climbs, made with a shoestring budget. It is doing the rounds on the international film festival circuit. Soon to be shown in: Slovenia, Holland, Canada, Turkey, Scotland and England. In both the previous showings, the first and second, the film picked up three awards: in Kendal it won Best Mountaineering Film, and in Bansko both Speacial Jury Prize and Youth Jury Prize. I was also in Bansko and was a great pleasure for me to accept the awards on behalf of the filmakers.

 

Thanks to

  1. Tom: for his kindness, availability and willingness to share his amazing lifestyle choices and his amazing pictures
  2. CAI Carpi and sponsors for the organization of the conference

KIP’S LAST YEAR: LUST AUF MITMACHEN?

Kips fehlt nur noch ein Jahr, um sein Medizinstudium in Nairobi abzuschließen.

Um dieses Ziel zu erreichen, braucht er aber die Unterstützung von uns allen: Die Studiengebühren und die Unterkunft kosten bzw. 7.600 Dollars und 3.400 Dollars jährlich, also insgesamt 11.000 Dollars. Jetzt wird es aber noch spannender…Die Frist ist nah: am 21. Februar muss er alles bezahlt haben.

“Warum sollte gerade ich für diesen Unbekannte spenden?”, höre ich dich fragen. Wie sein Freund Nathan Bowman so schön ausdrückt: “Es gibt im Leben ganz wenige Möglichkeit, etwas Gutes zu tun, das eine sofortige und fortdauernde Wirkung haben wird.” Kip ist eine davon.

Also bitte spenden unter: https://www.gofundme.com/kipslastyear !!!

Noch nicht überzeugt?

Was folgt, wird deine Zweifel ausräumen: Wer ist eigentlich dieser Kip?

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Weldon Kipkorir Kirui ist vor 26 Jahren in einem kleinen Dorf namens Nkorika im Rift Valley von Kenia geboren. Er stammt aus einer großen polygamen Familie mit 18 Geschwistern, deren Eltern keine Schulausbildung bekommen haben. Aus diesem Grund fühlt es sich wie ein Wunder, dass Kip mit 16 Jahren gewählt wird, um zwei Jahre lang die kanadische internationale Oberschule „Lester B. Pearson United World College“ zu besuchen.

Dort kann Kip an den schwierigsten Mathe- und naturwissenschaftlichen Kursen teilnehmen und dadurch ein volles Stipendium an der Uni Dartmouth verdienen. Nach vier Jahren in Dartmouth – und einen Chemieabschluss in der Tasche – beschließt er, nach Kenia zurückzukehren. Der Grund: „Die Rufe meines leidenden Volks wurden immer lauter in meinem Kopf“, wie Kip selber berichtet.

Weil die Gesundheitsversorgung im Rift Valley so mangelhaft ist, sich an der medizinischen Fakultät in Nairobi einzuschreiben, heißt für Kip den wirksamsten Weg, seinem Volk zu helfen.

Im Jahr 2015 hat Kip schon vier aus den fünf Jahren Medizin erfolgreich hinter sich gebracht. Einfach ist es aber nie: Zunächst soll er sich nicht nur mit einem umgekehrten Kulturshock auseinandersetzen, sondern auch den neuen Kommilitonen nahekommen, die viel jünger als er sind. Dazu gibt es die ständige und stressige Suche nach finanziellen Hilfen, die meistens durch Sponsoren aus der Uni Dartmouth und amerikanischen Freunden kommen. „Es war für mich wirklich anstrengend, weiterzugehen“, berichtet Kip „Geschafft habe ich es nur dank der Unterstützung meiner amerikanischen Freunde und meiner Familie“.

2016 steht vor Kip nun die letzte große Herausforderung, bevor er seinen Traum erfüllen darf: Sein letztes Jahr zu finanzieren. Dieser Traum ist nicht nur Kip wichtig, sondern dem ganzen Rift Valley. In diesem Land braucht man nämlich sieben Stunden fahren, um einen Artz besuchen zu können. Anders ausgedrückt, gibt es in dem Rift Valley einen Artz jeder 100.000 Leute. Im Moment sogar keinen.

Dass Kip etwas Besonders an sich hat, zeigt nämlich die Mühe, welche seine Freunde sich gegeben haben, damit er weiterstudieren darf. So hat Nathan Bowman – ein Freund aus der Lester UWC – sich dafür eingesetzt, eine Crowdfunding-Kampagne zu organisieren. „Wenn wir es bis die 11.000 Dollars nicht schaffen, werde ich selbst den verdammten Scheck einlösen“, sagt Nathan „Er ist einfach das Ziel zu nahe und zu gut, um alles aufgeben zu müssen“.

Glücklicherweise wird Nathan nicht um sein Konto überziehen müssen, um seinem Freund zu helfen. In einem Monat wurde fast die gesamte Summe gesammelt. Wichtig ist es aber, weiter zu spenden. Das extra Geld wird nämlich gebraucht, um Kip Essen, Unibedarf und Lehrbücher für das ganze Jahr zu versichern. Dazu kommt auch die Gofundme-Gebühr (7.9% plus 0,30 Dollar pro Spende), die gerade Nathan und andere Freunde aus eigener Tasche bezahlen.

Damit bleibt mir nur noch eines zu sagen: Bitte einfach spenden ! ! !

https://www.gofundme.com/kipslastyear

Danke an Kate, Nathan und natürlich an Kip für das tolle Vorbild und die wichtige zahlreiche Informationen!

MEINE AFGHANISCHE FAMILIE

Nach acht Monaten Abwesenheit war ich kürzlich wieder bei ihnen: der Familie Popal. Und wie üblich war unser Treffen eine große Feier.

Mit selbst gebackenen afghanischen Frikadellen und Süßspeisen hat Kathira mich und meinen Freund köstlich abgefüllt. Über alles Mögliche – unsere Familien, die Arbeit, die Zukunft – haben wir uns mit ihr und Wali wie alte Freunde unterhalten. Sogar mit Kathiras Mutter aus Pakistan haben wir geskypt. Mit den Kindern haben wir Videos angeschaut, und insbesondere habe ich lange mit Maryam über die Fernsehserie „Violetta“ geplaudert, für welche wir beide leidenschaftlich sind. All das natürlich während es an Trockenfrüchten, Nüssen und Mandeln geknabbert und literweise grüner Tee gegossen wurden.

Es ist also nicht überraschend, dass ich von allen Flüchtlingen – die ich während meines Praktikums an der Süddeutschen Zeitung interviewen konnte – besonders diese Familie in mein Herz geschlossen habe.

Wali und Kathira zusammen mit ihren sieben wunderschönen Kindern – Zainab, die Zwillinge Maryam und Ahmad, Aisha, Abdullah, Kawsar und Hekmattullah – sind tatsächlich das herausragendste Beispiel für Gastlichkeit, Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit.

Und das trotzt des Schreckliches, das sie erleben mussten.

Sechs Monate hat die fürchterliche Flucht aus Afghanistan nach Deutschland gedauert. Papa Popal, die schwangere Mama Popal und die sechs Kinder sind mit einem Bus von Kabul durch Pakistan und Iran gereist. Von daher haben sie mit PKWs, LKWs und sogar zu Fuß die Türkei erreicht. Da die Sprache von der Türkei an nicht mehr für sie verständlich war, löste sich jeder Anhaltspunkt auf und die Reise wurde noch verwirrter. Mit einem der überfüllten Booten, die wir jeden Tag im Fernsehen sinken schauen, sind sie vermutlich nach Griechenland oder Italien angekommen. Deutschland war nun einen Steinwurf entfernt. Per Anhalter sind sie bis Passau gefahren, wo im Mai 2013 die Polizei sie festgehalten und in einem Flüchtlingscamp am Kieferngarten bei München einquartiert hat.

75.000 US-Dollars hat die Flucht der Familie gekostet, mehr oder weniger den Wert der zwei Apotheken, des schönen Hauses, des Autos und des Goldes, die sie dafür verkaufen mussten. Im Tausch dieser Summe hatten ihnen die Flüchtlingshändler eine sichere Reise versprochen, mit Essen und einem gewissen Komfort. Andersherum ist Kawsar wegen Hunger kollabiert, weil es nur einmal am Tag Kekse, ein Brötchen und Wasser gab. Nachts mussten sie reisen, während man ihnen tagsüber befahl, zusammengedrängt zu schlafen. In der Türkei waren sie 20 Stunden hintereinander – oft unter dem Schnee – pausenlos unterwegs, bis wann sie frierend im Keller eines Mannes versteckt wurden.

Deutschland zu erreichen hat für die afghanische Familie das Ende eines Alptraums bedeutet, und einigermaßen zählen sie zu den glücklichsten Flüchtlingen, die hier ankamen. Wegen der schwierigen Schwangerschaft Kathiras und der vielen kleinen Kindern bekamen die Popal kurz nach deren Einreise eine kleine, aber gemütliche Wohnung in Fürstenfeldbruck, wo sie noch heute wohnen. Sechs der sieben Kinder wurden sofort in örtlichen Kindergärten und Schulen aufgenommen und sind mittlerweile schon alle zweisprachig (Hekmattullah darf erst 2016 im Kindergarten angemeldet werden).

Einfach ist es jedoch auch in Deutschland nicht. Finanziell wird die Familie sowohl vom Staat als auch vom Landratsamt Fürstenfeldbruck geholfen, da Wali und Kathira erst nach einem dreijährigen Deutschkurs eine Arbeit nehmen dürfen. Dreimal die Woche besuchen sie die Sprachschule, mit sieben Kindern haben sie aber fürs Lernen nur spät abends Zeit, nachdem die Kinder eingeschlafen und die zahlreichen Hausarbeiten erledigt sind.

Ehrenamtlich arbeitet Wali seit Oktober 2015 vier Stunden am Tag in einem Caritas- Gebrauchtbuchladen in Fürstenfeldbruck, um seinen Deutsch zu üben und eine nützliche Referenz für seine Arbeitszukunft vom Betreiber einzuholen.

Ich bin der Familie Popal sehr dankbar, weil sie mich von Tag eins an wie eine Freundin empfangen haben. Weil sie mich ständig ihre Freude am Leben zeigen. Und weil sie den Beweis dafür sind, dass Flüchtlinge nicht nur ein Problem darstellen, sondern unsere Leben bereichern können.

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