Paolo Gentiloni: Mann der Veränderung?

Seit dem 12. Dezember 2016 ist Paolo Gentiloni der neue Ministerpräsident Italiens. Mit seiner Designation hat die italienische Politik in fünf Jahren zum vierten Mal hintereinander einen nicht vom Volk gewählten Regierungschef bestimmt.

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Der aktuelle italienische Regierungschef Paolo Gentiloni und die ehemalige lettische Regierungschefin Laimdota Straujuma – Valsts kanceleja / State Chancellery / Flickr / CC Licence

Nachdem sein Vorgänger Matteo Renzi nach der Niederlage beim Verfassungsreferendum am 4. Dezember 2016 seinen Rücktritt angekündigt hatte, wurde Paolo Gentiloni nur eine Woche später vom Präsidenten der italienischen Republik Sergio Mattarella mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt.

Der 63-jährige Gentiloni stammt aus einer Adelsfamilie und ist deswegen auch als „Der Graf“ bekannt. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft arbeitete er als Journalist und wurde in den 90er-Jahren Sprecher des Bürgermeisters in Rom. Sein erstes Regierungsamt erhielt er 2006 als Kommunikationsminister unter dem Ministerpräsidenten Prodi. Im Kabinett Renzi übernahm er im Oktober 2014 das Außenministerium von Federica Mogherini, die zu diesem Zeitpunkt ihr Amt als Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik der EU antrat.

Als Gentiloni am 29. Dezember 2016 seine Regierung präsentierte, wurde sofort klar, dass er wohl eine ähnliche Politik wie Renzi anstrebt. Eine Entscheidung, die offensichtlich dem Willen von 60% der Italiener entgegensteht, welche mit dem Referendum am 4. Dezember gegen die Arbeit Renzis gestimmt haben. Denn darauf – statt auf der Bedeutung der Verfassungsänderung – hatten während des gesamten Wahlkampfs alle Parteien insistiert: Die Stimme sei für oder gegen Renzi. Mit einer Rekordwahlbeteiligung von mehr als 68% – normalerweise schwankt sie bei italienischen Referenda zwischen 32% und 53% – haben sich die italienischen Bürger deutlich geäußert.

Trotzdem stammen 13 der 17 Mitglieder des neuen Kabinetts aus der Renzi-Regierung. Es scheint, als ob – sowie bei einer Spielerunde „Reise nach Jerusalem“ – alle vorherigen Staatssekretäre möglichst schnell einen freien Stuhl zu besetzen versuchten, um der Gefahr des Ausscheidens zu entgehen. Die Opposition spricht daher von einer Fotokopie – oder „Renziloni“ – Regierung, während der neue Ministerpräsident Gentiloni versichert, er habe aus reinem Verantwortungsbewusstsein so gehandelt, um eine gewisse Kontinuität der guten Arbeit des zurücktretenden Premiers Renzi gewährleisten zu können.

Das neue Kabinett ist zumindest in einer Hinsicht keine reine Kopie der Renzi-Regierung: Gentiloni mag politisch denken wie sein Vorgänger, aber er hat einen anderen Stil. Im Gegensatz zu Renzi wirkt sein Auftreten schüchtern und blass, er zieht ungern Aufmerksamkeit auf sich und wirkt nicht wie ein Ellbogenmensch. Seine besonnene und diplomatische Haltung könnte Italien im europäischen Gremium förderlich sein, und könnte ihm – wenn er als Außenminister das Netzwerk mit seinen europäischen Kollegen gut gepflegt hat – dort Gehör verschaffen.

Ursprünglich hätte es das einzige Ziel dieser Regierung sein müssen, das Wahlrecht von Abgeordnetenhaus und Senat anzugleichen und damit vorgezogene Wahlen zu erreichen. In seinem ersten Gespräch als Ministerpräsident vor der Abgeordnetenkammer listete Gentiloni dazu allerdings auch andere Prioritäten auf: den Wiederaufbau der erdbebengeschädigten Gebiete in Mittelitalien und die Stabilität des Bankensystems mit besonderem Augenmerk auf der Krisenbank Monte dei Paschi di Siena. Einige Wochen später fügte er in seiner ersten Jahrespressekonferenz noch andere anspruchsvolle Ziele hinzu: „Arbeit, Süden und junge Leute sind meine Stichworte“, erklärte Gentiloni die Themen, auf die er sich in den folgenden Monaten konzentrieren wolle. Die Reform des Wahlrechts erscheint hingegen nicht mehr so dringend: „Wir werden die Debatte darüber zwischen den Parteien und im Parlament erleichtern und fordern, aber keinen eigenen Vorschlag vorlegen.“

Die ehrgeizigen Ziele, welche sich die Regierung gesetzt hat, lassen darauf schließen, dass die Gentiloni-Regierung den Ablauf der laufenden Wahlperiode des Parlaments im Februar 2018 gerne erreichen würde. Wie die Regierung das schaffen will liegt im Dunkeln, sie muss sich nämlich mit derselben Opposition auseinandersetzen, die sich in den letzten Monaten so stark gegen Renzi und seine Reformen positioniert hat.

Die Pensionsansprüche der meisten Parlamentarier und Senatoren könnten dabei jedoch von Nutzen sein: die jüngste Reform der Geschäftsordnung des Parlaments aus dem Jahr 2012 beinhaltet, dass Parlamentarier und Senatoren in ihrem ersten Mandat 4 Jahre, 6 Monate und einen Tag im Amt bleiben müssen, um eine amtliche Pension in Höhe von mindestens 900 Euro monatlich zu erlangen. 608 der derzeitigen 945 Parlamentarier und Senatoren sind in ihrem ersten Mandat, sollten also wenigstens bis zum 15. September 2017 im Amt bleiben, um die eigene Pension nicht verfallen zu sehen. Unter anderem sind 153 Abgeordnete der Fünf – Sterne – Bewegung M5S (EFDD) und 209 PD (S&D) – Abgeordnete davon betroffen.

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern“, sagt eine Figur im Roman „Der Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die wie Gentiloni aus einer adligen Familie stammt. Die Entwicklung dieser Figur bildet jedoch nicht den Triumph der Veränderung ab, sondern den der Vergeblichkeit. Italien kann nur hoffen, dass seinem „Graf“ nicht das gleiche Schicksal widerfährt.

Gentiloni bringt sicherlich die notwendigen Voraussetzungen mit, um dieses komplizierte aber wunderschöne Land zu verbessern. Aber er muss auch den Willen zeigen, die Interessen seiner Bürgerinnen und Bürger statt der seiner Kollegen zu verteidigen. Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung wäre es, bald ein neues Wahlgesetz zu verabschieden, das endlich zu einer vom Volk legitimierten Regierung führt.

Dieser Artikel ist am 20.01.2017 auf treffpunkteuropa.de unter folgendem Link erschienen:

http://www.treffpunkteuropa.de/paolo-gentiloni-mann-der-veranderung

INTERNAZIONALE FERRARA: Ein Wochenende mit den Journalisten aus der ganzen Welt

Am ersten Wochenende im Oktober verwandelt sich die mittelalterliche Altstadt von Ferrara in die größte Redaktion der Welt. In dieser Wirtschafts- und Kulturstadt der Region Emilia Romagna findet nämlich jedes Jahr das Festival des internationalen Journalismus statt. Die Burg, die Paläste, die Theater, die Platz, das Kloster sowie die Universität und die zwei Kinos werden drei Tage lang als Presseräume von internationalen Journalisten und Aktivisten verwendet.

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Das Logo des Festival fürs Jahr 2016 – Credit to www.unife.it

Das Festival wird durch die italienische Wochenzeitschrift Internazionale gefördert, welche 1990 gegründet wurde. Internazionale basiert sich auf dem gleichen Prinzip der drei Jahre älteren französischen Zeitschrift Courrier international, das heißt sie ist eine Presseschau von über 60 weltweit publizierten Zeitschriften, Zeitungen und Magazinen. Die Artikel werden von der Redaktion in Rom ausgewählt und ins Italienische übersetzt. Rubriken sind Europa, Afrika, Asien, Nordamerika, Südamerika, Australien und der Pazifik, ferner Technologie, Umwelt, Netzkultur und Wirtschaft.

Erst im Jahre 2007 kam die Idee, ein 3-Tage-Festival zu organisieren, in dem die Bürger dank einem internationalen Gremium Journalisten eine bestimmte Thematik auf all ihre Facetten erstrecken konnten. Seitdem hat sich die Anzahl sowohl der Teilnehmer als auch der Gäste vervierfacht: Beim letzten Festival, welches vom 30. September bis zum 2. Oktober 2016 stattfand, haben 240 Journalisten und Aktivisten aus 31 Ländern insgesamt 120 Konferenzen für rund 71.000 Personen gehalten.

Das Leitmotiv des 10. Festivals der Internazionale war der Mut. Das Thema wurde in drei verschiedenen Richtungen entfaltet: Der Mut, eine korrekte und objektive Information zu gewährleisten, eine solidarische und humane Wirtschaft zu schaffen und sich für den Schutz der Menschenrechte einzusetzen. Um nur einige der 240 Gäste zu nennen: die mexikanische Journalistin Anabel Hernández, welche für ihre Reportagen über die Verbindungen zwischen den mexikanischen Drogenkartellen, der Politik und den Sicherheitsorganen in ihrer Heimat verfolgt wird; die Eltern vom italienischen Doktorand Giulio Regeni, der Anfang dieses Jahres wegen seiner Recherchen bezüglich der ägyptischen Gewerkschaften in Kairo gefoltert und später ermordet wurde; Bertita Cáceres, die Tochter der honduranischen Menschenrechts- und Umweltaktivistin Berta Cáceres, welche im März 2016 aufgrund ihrer Kampagnen gegen illegale Bauprojekte von mehreren Bewaffneten in ihrem Haus erschossen wurde; und der amerikanische Journalist Anand Gopal, der für seine Reportagen über den Krieg in Afghanistan bekannt ist.

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Von rechts nach link: Flaviano Bianchini, Umweltaktivist von Source International – Luca Martinelli, Journalist von Altreconomia – Bertita Cáceres, Tochter von Berta Cáceres und selbst Menschenrechts- und Umweltaktivistin von COPINH– die Dolmetscherin

Das Festival wird durch die Stadt und die Universität Ferrara zusammen mit vielen anderen Sponsoren, u.a.  Medecins sans frontieres und die Europäischen Kommissionsvertretung Italiens, gesponsert. Dadurch sind alle Konferenzen kostenfrei und grundsätzlich jedermann zugänglich. Da aber die Beteiligung jährlich größer wird, musste die Anzahl der Teilnehmer bei einigen Konferenzen begrenzt werden. Dafür werden kostenlose Tickets in der Piazza Cattedrale von den Volontären verteilt. Die Vorführungen von Dokumentarfilmen – allen italienischen Premieren – kosten 3 Euro. Alle Vorträge sind in der Originalsprache des Gastes gehalten, und simultan oder konsekutiv ins Italienische gedolmetscht.

Ein Besuch des Festivals lohnt sich auf jeden Fall, und kombiniert sich mit einem Rundgang der wunderschönen Altstadt von Ferrara perfekt.

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Die Estense Burg in der Altstadt Ferrara – Credit to www.trevisanarte.com

Der Iseosee n. Chr. : Eine Bewertung der Floating Piers

Das Jahr 2016 kann ohne Übertreibung als „anno Domini“ für den Iseosee bezeichnet werden: Vom 18. Juni bis zum 03. Juli hat nämlich dieser bisher unbekannte italienische See mehr als 1,2 Millionen internationale Besucher an seine Ufer angelockt. Grund dafür war das letzte Projekt des bulgarischen Künstlers Christo „The Floating Piers“. So gigantisch ist der Erfolg der Installation gewesen, dass die Provinz Brescia – wo sich der See 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig befindet –  seine Jahreszählung von 2016 an nach einem anderen Christo ändern könnte. Genau einen Monat nach dem Ende dieses Jahresereignisses kommt meine Beurteilung davon.

  • Das Projekt: 1 = hervorragend
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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo 2016

Die sogenannten schwebenden Stege bestanden aus 220.000 Schwimmwürfeln aus Polyethylen hoher Dichte durch 200 Anker von je 5.5 Tonnen Gewicht am Seeboden verankert. Das Ganze war mit 100.000 Quadratmeter gelbes Nylongewebe und 80.000 Quadratmeter Filz verkleidet. Zwei Wochen lang haben die drei Kilometer langen Stege die Besucher erlaubt, von der Gemeinde Sulzano bis die naheliegende Insel Monte Isola und von daher bis das weitere private Inselchen San Paolo übers Wasser zu laufen. Dazu kam noch eine 2.5 Kilometer lange in Gelb bedeckte Strecke auf dem Festland. Über die 16 Meter breiten Stege konnte man sowohl barfuß als auch mit Schuhen laufen, da das Wasser nur die Ränder – 2 Meter je Seite –  nass machte. An den Rändern konnte man sich teilweise wegen Sicherheitsgründe, teilweise um Schlangen zu vermeiden nur für kurze Zeit anhalten.

Einzigartig war die Lebendigkeit des ganzen Projekts, welches im See nicht als Fremdkörper lag, sondern beim Simulieren dessen Wellengangs ihm gehörte. Die Empfindlichkeit der Installation war sowohl ihr Vor- als auch ihr Nachteil: Aufgrund der Wetterabhängigkeit konnte der Kunstbau beim unruhigen Wasser stundenlang geschlossen bleiben.

Der Abbau der Installation – angefangen schon am 4. Juli – wird drei Monate dauern, so der Betriebsleiter Vladimir Yavachev in der letzten Pressemitteilung. „Da die plötzliche Vermarktung einer so großen Menge von Waren den Markt gefährden würde, wird keine dieser Materialien verkauft, ohne dass sie vorher verarbeitet werden“, erklärt der Projektleiter Wolfgang Volz in einem Interview. Die verarbeiteten Schwimmwürfel, Anker, Nylongewebe und Filz werden dann beziehungsweise in der Plastik-, Textil und Schiffbauindustrie  wiederverwertet.

  • Der Künstler: 1 = hervorragend
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Christo in his studio working on a preparatory drawing for The Floating Piers, New York, November 2015 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo 2015

Zwei Jahre hat die Planung dieses gigantisches Projekts gedauert, welches der 81 jährige Christo – wie bei jeder anderen Installation vom Künstlerehepaar – selbst finanziert hat. 18 Millionen Euro hat insgesamt das Projekt gekostet. Kassiert hat die Region Lombardei 1.5 Millionen davon, sowohl als Konzessionsabgabe für die Nutzung des Sees und der naheliegenden Gemeinden als auch um die Kosten für die Sicherheitseinrichtungen – Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr und Fernmeldeanlagen – zu decken. Zusätzlich hat der Künstler für vermehrte Müllabführen und temporäre Toiletten bezahlt und mehr als 1.000 Leuten angestellt.

An Bord eines Floßes hat Christo jeden Tag für mehrere Stunde den Stand und Erfolg seines Projektes beobachtet und die applaudierenden Besucher begrüßt. Unmittelbar nach dem Ende der Installation hat sich der unermüdliche Künstler in die zwei anderen Projekten versenkt, die er mit Jeanne-Claude beziehungsweise im Jahr 1977 und 1992 konzipiert aber nicht vervollständigt hatte: The Mastaba in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Over the River auf dem Arkansas River in den USA.

  • Die Lage: 1 = hervorragend
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View of Lake Iseo from its earth pyramids – Credit to www.lakeiseo.it

Vor Christo war die Provinz Brescia meistens für den Schaumwein Franciacorta bekannt, welches Name die gesamte Weinbauregion bezeichnet, die sich auf 23 Gemeinden südlich des Iseosees erstreckt. Das Areal rund um dem See hat aber viel mehr önogastronomische Delikatessen anzubieten: getrocknete Süßwassersardinen, die typische Polenta, Hartkäse aus roher Kuhmilch wie Silter, Casolet und Rosa Camuna, und die einzigartige Salami aus Monte Isola.

Die Provinz Brescia ist auch historisch und kulturell sehr reich. Zweimal hat sie die UNESCO den Titel von Welterbe verliehen: Im Jahr 1979 wurden die Felsritzungen des Valcamonica anerkannt, welche mit ihren 300.000 Figuren die weltweit größte Fundregion prähistorischer Petroglyphen sind, und 2011 wurde der archäologische Bereich des Forum Romanum und der klösterliche Komplex von San Salvatore-Santa Giulia im Zentrum von Brescia ausgezeichnet.

Dazu steht der Iseosee selbst mit seinen glasklaren Badegewässer und den schönen umgebenden Gebirgen anderen bekannteren italienischen See wie Como oder Garda in nichts nach. Einfach erreichbar ist er auch: Der internationale Flughafen Bergamo und die Ausgänge Brescia, Palazzolo sull‘Oglio und Rovato der Autobahn A4 Mailand-Venedig sind beziehungsweise 40 und 30 Minuten vom See entfernt. In vielen Gemeinden am See kann man auch mit dem Zug oder durch den 282 Kilometer langen 3-Flüsse-Radweg Oglio-Tonale-Po mit dem Fahrrad ankommen.

Über das Projekt Christos haben sich alle Tourismusunternehmen aus dem Gebiet sehr gefreut. In den 16 Tagen der Installation wurden nämlich insgesamt 4,2 Millionen Euro am Tag kassiert. Von allen Gästen waren der 91% neue Kunden, darunter waren der 58% Italiener und der 42% Ausländer, hauptsächlich Deutschen. Die Hoffnung ist, dass der Floating-Piers-Effekt noch lange wirken wird.

  • Die Organisation: 5 = mangelhaft
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Queue in front of an entrance – Credit to www.bresciaoggi.it

Obwohl an der Installation internationale Fachkräfte gearbeitet haben, war die Organisation deren Besuch voll all’italiana.

Es gab sowohl verschiedene Eingänge als auch alternative Verkehrsmittel zum Installation, die aber nur auf dem Internet richtig kommuniziert wurden. Um die lange Wartezeit stark zu reduzieren, musste man also schon vorher recherchiert haben, oder ein paar Minuten in den wenigen Info-Points am Anfang verlieren, um Informationen zu sammeln.

Dazu habe ich für einen Durchschnitt von 75.000 Besuchern am Tag viel zu wenige Metalldetektoren gesehen. Und das trotz der Tatsache, dass schon viele Anschläge in der europäischen Öffentlichkeit stattgefunden hatten.

Da die Stege wetterabhängig waren, hätte man daher erwartet, dass die Zuständigen eindeutige Leitfäden darüber bekommen hätten. Ganz im Gegenteil wusste niemand, den ich bei meinem Besuch gefragt habe, wann und ob die Stege wieder öffnen wurden. „Sie werden wahrscheinlich heute nicht mehr geöffnet werden“, antwortete mir ein Zuständige dreißig Minuten vor meinem begeisterten Spaziergang übers Wasser.

Schließlich waren die Schlangen an den Eingängen, in den Cafés und für die Toiletten komplett unorganisiert. Was diesbezüglich gesagt werden muss ist aber, dass die ausländischen Besucher sich sofort an die weltweit bekannte List der Italiener angepasst haben, und jeden möglichen Trick versuchten, in den langen Schlangen sich vorzudrängen. Hier nur ein kleiner Hinweis: durchschnittlich mögen zwei von zehn Italienern wohl listig sein, die anderen acht sind aber normale Leute, die einfach an der Reihe warten. Respektvoll gegenüber der Mehrheit sollte man immer und überall sein.

Eine Lanze für die jungen Angestellten der Info-Points und die vielen Bademeister möchte ich zum Schluss brechen: Sie waren wirklich sehr hilfsbereit und vorbereitet.

 

„PrayForXYZ“: Warum die Trauer-Hashtags abscheulich sind

Nach dem Amoklauf in München kursierten  auf Twitter zahlreiche Bilder und Collagen unter dem Titel #PrayForMunich. – © @ZDFheute/Twitter

Mit #JeSuisCharlie hat das alles angefangen. So einen internationalen Erfolg konnte der Franzose Joachim Roncin nicht erwarten, als er am 07. Januar 2015 unmittelbar nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo das Bild mit dem Slogan „Je suis Charlie“ entwarf und es auf seinem Twitter-Account postete. „Ich fühlte mich, als hätte man auf mich geschossen“, berichtet der Artdirector und Journalist des Magazins Stylist in einem Interview, „Das wollte ich mit dem Bild ausdrücken“. Nur eine Minute habe es gedauert, es zu entwerfen. Noch kürzer dauerte es, bis die ganze Welt das Bild kannte und es als Trauer-Hashtag auf allen sozialen Netzen genutzt wurde. Seither ist es in abgewandelter Form zu modischer Solidaritätsbekundung anlässlich zahlreicher ähnlicher Verbrechen geworden. Nach der Redensart „Gut Ding will Weile haben“ sollte man aber in solchen dramatischen Situationen lieber das Gehirn als das Handy einschalten.

70 Millionen Menschen haben den Trauer-Hashtag #PrayForParis in den zwei Tagen nach den Terroranschlägen von Paris und Saint-Denis in der Nacht vom 13. November 2015 gepostet. Wie vorprogrammiert kamen auch die Slogans #PrayForBruxelles für die Terroranschläge am Flughafen und in der Innenstadt der belgischen Hauptstadt Brüssel am 22. März 2016, und #PrayForOrlando für das Attentat in einem Nachtklub in Orlando am 12. Juni. Ganz aktuell sind die Hashtags für das Blutbad an der Strandpromenade von Nizza am 14. Juni und für den Amoklauf im Münchner Einkaufzentrum am 22. Juli.

Ein Attentat gleich ein Slogan. Es kostet weder Zeit noch Mühe, diese paar Buchstaben auf dem eigenen Profil zu veröffentlichen: Eintippen, auf Posten klicken und fertig! Man muss weder über das Thema recherchieren, noch sich eine eigene Meinung zur Situation bilden. Wie Heldentiere folgen einfach Millionen Menschen einander und schreiben die gleichen bedeutungslosen Worte.

Bei jeder dieser traurigen Gelegenheiten frage ich mich, wozu die Leute diese Slogans schreiben müssen. So oberflächlich und unpersönlich wie sie formuliert sind, empfinde ich sie als einfach zwecklos: Einerseits helfen sie keinem Betroffenen, Trost zu finden; andererseits treiben sie keinen Mensch an, ein Gebet zu sprechen. Es würde mich reichen zu wissen, dass diese Leute – sei es auch nur für die 30 Sekunden, die sie brauchen, um das Hashtag zu schreiben und zu posten – tatsächlich für die Opfer und alle Betroffenen beten. Ich fürchte aber, dass ihre Gedanken stattdessen schon bei dem ersten „Gefällt mir“ oder Kommentar sind. Sei es eine bewusste oder unbewusste Vorgehensweise, finde ich diese gemeinschaftlichen Bekundungen eher selbstgefällig als solidarisch gegenüber den Betroffenen.

Gefährlich sind diese Slogans auch, weil sie unbemerkt die Wahrnehmung eines Terroraktes ändern. Sei der Slogan populär, wird der Terrorakt in den Medien stärker beachtet. Daraus fühlt das Publikum mehr Mitleid für die Opfern und das betroffene Land. Ein Beispiel dafür? Jeder von uns konnte alle Terroranschläge mehr oder weniger nennen und beschreiben, die im letzten Jahr in Frankreich und Belgien stattgefunden haben. Könnten wir die letzten Attentate in der Türkei gleich behandeln? Neun Attentate haben vom Juli 2015 bis heute die Türkei erschüttert, dabei sind insgesamt 140 Personen ums Leben gekommen. Ziemlich unbekannt sind auch die häufigen Attentaten, welche Kriegsländer wie Syrien oder Afrika plagen und die viel zu oft von den sozialen Netzen komplett ignoriert werden.

Es liegt in unseren Händen, diese Tendenz umzukehren. Anstatt leere Slogans auf unseren Profilen zu posten, suchen wir hingegen nach interessanten Artikeln und teilen wir sie auf unseren sozialen Netzwerken. Am besten schreiben wir unsere Meinung dazu. Nur damit werden wir uns und unseren Bekannten wertvolle Informationen beschaffen. Wenn wir den Ort des Anschlags besucht haben, posten wir Fotos oder schreiben wir unsere besten Erinnerungen davon. Damit können wir den Betroffenen die Hoffnung geben, dass es irgendwann möglich sein wird, zum gewohnten Alltag zurückzukehren.

Dieser Artikel ist am 24.07.2016 auf treffpunkteuropa.de unter folgendem Link erschienen:

„PrayForXYZ“: Warum die Trauer-Hashtags abscheulich sind

#PrayForParis, #PrayForNice, #PrayForMunich: In den sozialen Netzwerken häufen sich nach jeder neuen Gewalttat in der Welt millionenfach Bekundungen von Solidarität und Mitleid an. Unsere Kommentatorin Cristina Bettati findet in dieser digitalen Trauerkultur keinen Sinn. Ein Kommentar.

 

DANK CHRISTO ÜBERS WASSER LAUFEN

Drei Kilometer lang, 16 Meter breit, 35 Zentimeter hoch. Diese sind die Dimensionen der Stege, welche vom 18. Juni bis zum 03. Juli die am lombardischen Iseosee liegende Gemeinde Sulzano mit den Inselchen Monte Isola und San Paolo verbinden. Dazu kommt noch eine 2,5 Kilometer lange Strecke auf dem Festland. Das Projekt heißt „The Floating Piers“ – zu Deutsch: Die schwebenden Stege  und wurde schon im Jahre 1970 vom weltweit bekannten Künstlerehepaar Christo and Jeanne-Claude konzeptualisiert. Nach dem Tod von Jeanne-Claude im Jahr 2009 hat Christo alleine den Kunstbau zustande bringen wollen: „Die Besucher von „The Floating Piers“ sollten damit erleben, wie es sich übers Wasser – oder vielleicht auf dem Rücken eines Wals – zu laufen anfühlt“, so beschreibt der bulgarische Künstler sein Projekt auf dessen Webseite.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Chisto

Im Frühling 2014 hat die Planung dieses gigantische Projekts begonnen, welches der erste wirkliche Kunstbau des Künstlerehepaars in Italien darstellt. In den vergangenen Werken in Spoleto (1968), Mailand (1970) und Rom (1973-74) handelte sich in der Tat um Verhüllungen schon existierender Denkmale. Mit einem Team internationaler Fachkräfte hat Christo zuallererst alle norditalienischen Seen erkundet, um den spektakulärsten Standort zu finden. Nach dem Wahl des Sees Iseo in der Provinz Brescia – 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig – wurde sofort und intensiv daran gearbeitet:  Genehmigungen wurden bei dem privaten Besitzer der Insel San Paolo und den regionalen Behörden eingereicht, 200.000 Kubikmeter Schwimmwürfel hergestellt, Tests durchgeführt und 100.000 Meter hellgelben Stoffs auf den Stegen ausgedehnt.

Die Verhüllung der Stege hat aber erst am Tag vor der Eröffnung mit einer aufwendigen Aktion hunderter Mitarbeiter stattgefunden. Einerseits wollte der Künstler den Überraschungseffekt mit seinen Besuchern nutzen, andererseits braucht der Stoff nicht mehr als die geplanten 16 Tage der Installation, damit sich das Hellgelb in die vom Christo gewünschten roten und goldbraunen Nuancen durch das Seewasser umwandelt.

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Christo is watching a diver hooking a fabric panel to the side of a floating pier, June 15, 2016 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

Wie jedes andere Projekt von Christo and Jeanne-Claude gibt es auch für „The Floating Piers“ keine Eintrittskarte und keine Öffnungszeiten. Der Künstler finanziert sich selbst durch den Verkauf seiner Werke an privaten Sammlern, Museen und Kunstgalerien. Daraus arbeitet der 81-jährige Künstler durchschnittlich 14 Stunden am Tag, egal ob in dem ausländischen Hauptquartier eines seiner Projekte oder ob in seinem New-Yorker Studio in Soho, wo er mit Jeanne-Claude im Jahr 1964 umzog. Alle Materialien werden nach Installationsende abgebaut und wiederverwertet.

„Genau wie ein Maler, der sein Gemälde mit bestimmten Farben füllt, nicht weil er jemandem gefallen möchte, sondern weil er einfach diese Farben mag – so habe ich auch mit diesem Projekt gemacht“, erklärt Christo in einem Interview an der britischen Zeitung Daily Mail.  Das Wasser, die Sonne, die Kilometer, der Wind, der Schreck, die Freude: alles müsse echt sein – berichtet Christo weiter, der selbstverständlich Handys und Rechner verabscheue, weil er „the real thing“ bevorzuge.

Erwartet sind insgesamt 1,5 Millionen Besucher, über welche auch das Gastgewerbe der Provinz Brescia sich natürlich sehr freut. Die Sicherheit der Installation – die von 120 Bademeistern und 150 Stewards beziehungsweise auf Booten und auf dem Festland bewahrt wird –  ist natürlich wetterabhängig: Sei das Seewasser unruhig, muss die Anzahl der erlaubten Personen auf den Stegen – rund 10.000 Köpfe am Tageslicht, 4.000 in der Nacht – stark reduziert werden. Auch bei schönem Wetter kann zu Stoßzeiten die Wartezeit an der Küste bis zu zwei Stunden dauern.

Parken kann man in den 11 eingerichteten Parkplätzen rund dem See. Von dort aus ist der Installationseintritt in Sulzano durch Shuttles oder Fährschiffe erreichbar. Der Eingang zur Gemeinde Sulzano wird für die 16 Tage der Installation gesperrt. Die einzige Ausnahme betrifft die 1.917 Einwohner und die Autofahrer, welche den Polizisten eine gedruckte Kopie der Buchungsbestätigung vonseiten der einzigen buchbaren Parkplatz der Gemeinde (Parkplatz Gerolo) vorzeigen können.  Alternativ  kann man Sulzano mit dem Zug erreichen.

Auf den Stegen verboten sind Stöckelschuhe, Fahrräder, Regenschirme, Sprünge und das Rauchen. Hunde müssen Maulkörbe tragen. Erlaubt und sogar von Christo empfohlen ist barfuß auf den Stegen zu laufen. Mitbringen sollte man Sonnenhüte, Sonnenbrillen und hauptsächlich Geduld.  Am ersten Wochenende wurden für einige Stunden aufgrund der sehr hohen Besucherzahlen und des Regens sowohl den Eintritt zur Installation als auch die Züge und das Shuttle-Service nach Sulzano gestoppt.

Trotz des Chaos sind aber die Kommentare der Besucher durchaus positiv: „Als ich auf dem Festland zurückkam, habe ich sofort gedacht „Mensch, ich will zurück““, erzählt eine begeisterte 31-jährige Ingenieurin. Von oben, bei Nacht, mit wenigem Gewühl würde sie die Installation gerne nochmals erleben: „Ich will einfach dem Künstler danke sagen: Sein Kunstbau verschmelzt sich respektvoll mit der Natur, und trotzdem unterscheidet sich davon“. Mitreißend vom Scheitel bis zur Sohle sei die Erfahrung für eine 38-jährige Pädagogin gewesen: „Überraschend wie die Idee eines Einzelnes, so viele Leute ansprechen kann. Man braucht nicht viel, um Menschen zusammenzubringen. Das lassen uns manchmal die neuen Technologien vergessen.“

Auch die anfänglichen Zweifler sind im Endeffekt mit der Erfahrung zufrieden: „Man hätte vielleicht die Installation und deren Areal mit Fotos oder Texte bereichern können“, berichtet der 31-jährige Carlo, „Unschätzbar ist aber das Gefühl, die Stärke der Wellen unter den Fußen zu fühlen“.  Wir mögen klein und vergänglich sein, aber dazu seien wir fähig, wunderbare Schönheit zu erschaffen, sagt er weiter. „Ich fühlte mich ein wenig verwirrt und seekrank“, erzählt die 26-jährige Francesca, die auch anfänglich von der Installation Christos nicht genau überzeugt war, „Nach ein paar Metern habe ich mich aber einfach darauf verlassen: Es war als ob ich ruhig und im Einklang mit dem See und der Landschaft obenauf schwamm“.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

Die abgelegensten Orte der EU: Curaçao

Vier der 24 Amtssprachen der Europäischen Union werden auf der Karibikinsel Curaçao gesprochen: Niederländisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Dazu kommt auch die Kreolsprache Papiamentu, die aus einer Mischung all dieser vier europäischen Sprachen besteht. Auf der zum Königreich der Niederlande gehörenden Insel wohnen Menschen von mehr als 50 Nationalitäten.

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Bunte Fassaden prägen das Stadtbild der Hauptstadt Willenstad – © Howard Lifshitz/ Flickr (Link) / CC BY-SA 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Grund dieser Vielfalt ist die lange Geschichte der Insel, die schon seit 4000 vor Christus von den indianischen Ureinwohnern Arawak bewohnt war. Mit der Besiedlung der Spanier im Jahre 1499 wurden die Arawak zum Teil getötet, zum Teil zu Zwangsarbeiten aufs Festland gebracht. 1634 wurde die Insel durch die niederländische Westindien-Kompanie erobert, und seitdem – mit Ausnahme von kurzen französischen und englischen Eroberungen – ist die Insel niederländisch. Von 17. bis zum 19. Jahrhundert wirkte Curaçao als einziges Zentrum für den karibischen Sklavenhandel: Die Sklaven wurden von Afrika bis zur Insel transportiert, und von dort aus nach Südamerika oder der Karibik gebracht. Mit der Abschaffung der Sklaverei von Seiten der Niederlande im Jahre 1863 verlor die Insel wirtschaftlich an Bedeutung.

Erst als in Venezuela in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhundert Erdöl und andere Rohstoffe entdeckt wurden, konnte sich die Wirtschaft der Insel wieder erholen. Die Lage Venezuelas war nämlich allzu instabil und unsicher, um direkt dort das Erdöl zu verarbeiten. Das niederländische Mineralöl- und Erdgasunternehmen Shell entschied sich also dafür, in der nahen und ruhigen Willemstad – die einzige Stadt und daher die Hauptstad der Insel Curaçao – die Erdölraffinerie zu bauen, die noch heute eine der größten der Welt ist. Die Umweltauswirkungen der Raffinerie sind seit Langem ein Thema für verschiedene Umweltschutzorganisationen, welche die Ölanlagen lieber abgerissen sehen würden. Von 1954 bis 2010 gehörte Curaçao zusammen mit den anderen fünf niederländischen Karibikinseln Aruba, Bonaire, Saba, Sint Eustatius und St. Martin dem Landesverband der Niederländischen Antillen an. Nach zwei Volksabstimmungen in den Jahren 2005 und 2009 wurde das Überseegebiet am 10. Oktober 2010 schließlich aufgelöst. Damit wurde Curaçao ein eigenständiges Bundesland des Königreichs der Niederlande.

Heute basiert sich die Wirtschaft der Insel auf Erdöl, Hafen und Offshore-Banking. Der größte Devisenbringer ist aber mit Abstand der Tourismus. Rund 340.000 Besucher werden jährlich von den 150.000 Inselbewohnern empfangen. Gelockt werden die Touristen sowohl von den Traumstränden und dem Wasser der Insel als auch von deren Klima. Dank ihrer sogenannten Lage „unter dem Winde“ wird Curaçao im Vergleich zu den Inseln im nördlichen Teil der Antillen selten von Hurrikanen betroffen und hat ein weitaus trockeneres Klima. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr hindurch zwischen 24 °C und 32 °C.

Besonders beliebt ist die Insel bei niederländischen Rentnern, die von Dezember bis April in den farbigen Kolonialbauten der Hauptstadt Willemstad überwintern. Junge Leute und Nachtschwärmer bevorzugen den südwestlichen Stadtteil Otrobanda, der verschiedene Bars direkt am Meer bietet. Da das Korallenriff sehr nah an der Küste liegt und in wenigen Minuten vom Strand aus erreichbar ist, wird Curaçao auch als Tauchbasis für Anfänger genutzt. Kulinarische Spezialitäten sind gekochter Leguan und der Likör Curaçao, der aus der Schale der Pampelmuse hergestellt wird und je nach beigegebenen Farbstoff blau, rot, grün oder gelb sein kann.

“Die abgelegenste Orte der EU” ist ein Sammelbeitrag mehrerer Autoren, der im Laufe des Monats auf Treffpunkt Europa erschienen wird. Es werden faszinierende Orte vorgestellt, die geografisch tausende Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt, aber tatsächlich Teil der EU sind. Mein Artikel zum Thema “Curaçao” ist der zweite der Serie und ist am 15. Juni unter folgendem Link erschienen:

Die abgelegensten Orte der EU: Curaçao

Vier der 24 Amtssprachen der Europäischen Union werden auf der Karibikinsel Curaçao gesprochen: Niederländisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Dazu kommt auch die Kreolsprache Papiamentu, die aus einer Mischung all dieser vier europäischen Sprachen besteht. Auf der zum Königreich der Niederlande gehörenden Insel wohnen Menschen von mehr als 50 Nationalitäten.

 

Die abgelegensten Orte der EU: Lampedusa

Politisch italienisch, geografisch afrikanisch. Die Insel Lampedusa gehört der sizilianischen Provinz Agrigent, liegt aber nur 113 Kilometer von den tunesischen Küsten entfernt, und ist deshalb Teil der afrikanischen Platte. Aufgrund ihrer Nähe zu Nordafrika wurde Lampedusa in den letzten Jahren als „Flüchtlingsinsel“ weltweit bekannt. Rund 21.000 Flüchtlinge landen nämlich jährlich an der Küste dieser Insel, deren Aufnahmezentrum offiziell 800 Leute beherbergen kann.

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Boote vor der Küste Lampedusa – © Luca Siragusa / Flickr (Link) / CC BY-SA 2.0 – Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Schon lange vor dem neuerlichen internationalen Medieninteresse haben aber die 6.537 Bewohner der südlichsten Insel Italiens ihre Großzügigkeit gegenüber den Migranten gezeigt: Auf das Jahr 1992 geht nämlich die erste Landung von Flüchtlingen – damals 71 Maghrebiner – zurück. Seit damals wurden mehr als 400.000 Personen auf Lampedusa aufgenommen, rund 15.000 dagegen sind kurz vor der Rettung ums Leben gekommen. Den Menschen, die ihre Flucht nach Europa nicht überlebt haben, hat der italienische Künstler Mimmo Paladino im Jahre 2008 das Denkmal „Das Tor von Europa“ gewidmet. Überall auf dem fünf Meter hohen Tor, welches sich auf einem Felsvorsprung im Südosten der Insel befindet, sind von Flüchtlingen verlorene Gegenstände zu erkennen. Das Zeigen persönlicher Objekte ist ein roter Faden, den man auch in der Dauerausstellung „PortoM“ des einheimischen Kulturvereins Askavusa wiederfinden kann. Gegenstände von Kleidung über Töpfe und Trinkgefäße bis hin zu religiösen Schriften und Schmuck haben die ehrenamtlichen Mitglieder des Kulturvereins in einer Felsengrotte in der Hauptstadt Lampedusas ausgestellt.

Widersprüchlich – oder sogar grotesk – mag es klingen, aber Lampedusa nicht nur ein Flüchtlings-, sondern auch ein Urlaubsziel. Die größte der italienischen Pelagischen Inseln im Mittelmeer rühmt glasklares Wasser und strahlend weiße Sandstrände, welche einem karibischen Paradies in nichts nachstehen. Ein Beispiel davon ist die Isola dei Conigli – zu Deutsch: Kanincheninsel –, die im Jahr 2013 von den Nutzern der Touristikwebseite TripAdvisor zum schönsten Strand der Welt gewählt wurde. Trotz ihres Namens befinden sich auf der kleinen Insel keine Hasen. Wie man es auf einer englischen Seekarte des 19. Jahrhunderts lesen kann, wurde die Insel ursprünglich „Rabit Island“ genannt. Die Übersetzung ins Italienische erschloss sich aus dem Englischen, obwohl es heutzutage wahrscheinlicher ist, dass der Name „Rabit“ eigentlich aus dem Arabischen kommt, auf das so viel wie „Verbindung“ bedeuten würde. Eine solche Verbindung kommt nämlich zustande, wenn zuweilen eine sandige Landbrücke zwischen der Isola dei Conigli und Lampedusa entsteht. Das letzte Mal entstand dieses Phänomen im Jahr 2008; von Lampedusa bis zur Isola dei Conigli kann man aber jederzeit spazieren, da die 30 Meter lange Strecke ein Wassertiefe von nur 30 bis maximal 150 Zentimeter hat.

Zwischen Mai und August legen die vom Aussterben bedrohten Karettschildkröten auf der Kanincheninsel ihre Eier ab und vergraben sie im warmen Sand. Daher wurde das kleine Eiland im Jahr 2002 unter Naturschutz gestellt, und ist seitdem Teil des Naturschutzgebiets, welches seit 1995 den Bestand der ganzen Insel Lampedusa bewahrt. “Schwimmbad Gottes” hatte Domenico Modugno die Kanincheninsel genannt. Dem italienischen Sänger, dessen Lied „Nel blu dipinto di blu“ immer noch ein internationaler Hit ist, lag die Insel Lampedusa besonders am Herzen. Und sicherlich hätte er sich für seinen Tod nichts anderes gewünscht, als das, was 1994 wirklich geschah: Bei Sonnenuntergang in seiner geliebten Villa vor dem himmelblauen Wasser der Isola dei Conigli sein Leben zu lassen.

Was das Klima betrifft, ist es auf der Insel Lampedusa das ganze Jahr mild. Die Temperaturen sind im Januar und Februar mit einem Durchschnitt von 13 °C am kältesten, im Juli und August können sie hingegen die 40 °C erreichen, dazu wird es aber auch angenehm windig. Baden kann man von Mai bis Oktober. September ist in jeder Hinsicht der beste Monat: Das Wetter ist noch warm und sonnig, es gibt kaum Touristen, das Meer ist ruhig und alles viel billiger.

“Die abgelegenste Orte der EU” ist ein Sammelbeitrag mehrerer Autoren, der im Laufe des Monats auf Treffpunkt Europa erschienen wird. Es werden faszinierende Orte vorgestellt, die geografisch tausende Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt, aber tatsächlich Teil der EU sind. Mein Artikel zum Thema “Lampedusa” ist der erste der Serie und ist am 10. Juni unter folgendem Link erschienen:

http://www.treffpunkteuropa.de/die-abgelegensten-orte-der-eu-lampedusa