Der Iseosee n. Chr. : Eine Bewertung der Floating Piers

Das Jahr 2016 kann ohne Übertreibung als „anno Domini“ für den Iseosee bezeichnet werden: Vom 18. Juni bis zum 03. Juli hat nämlich dieser bisher unbekannte italienische See mehr als 1,2 Millionen internationale Besucher an seine Ufer angelockt. Grund dafür war das letzte Projekt des bulgarischen Künstlers Christo „The Floating Piers“. So gigantisch ist der Erfolg der Installation gewesen, dass die Provinz Brescia – wo sich der See 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig befindet –  seine Jahreszählung von 2016 an nach einem anderen Christo ändern könnte. Genau einen Monat nach dem Ende dieses Jahresereignisses kommt meine Beurteilung davon.

  • Das Projekt: 1 = hervorragend
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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo 2016

Die sogenannten schwebenden Stege bestanden aus 220.000 Schwimmwürfeln aus Polyethylen hoher Dichte durch 200 Anker von je 5.5 Tonnen Gewicht am Seeboden verankert. Das Ganze war mit 100.000 Quadratmeter gelbes Nylongewebe und 80.000 Quadratmeter Filz verkleidet. Zwei Wochen lang haben die drei Kilometer langen Stege die Besucher erlaubt, von der Gemeinde Sulzano bis die naheliegende Insel Monte Isola und von daher bis das weitere private Inselchen San Paolo übers Wasser zu laufen. Dazu kam noch eine 2.5 Kilometer lange in Gelb bedeckte Strecke auf dem Festland. Über die 16 Meter breiten Stege konnte man sowohl barfuß als auch mit Schuhen laufen, da das Wasser nur die Ränder – 2 Meter je Seite –  nass machte. An den Rändern konnte man sich teilweise wegen Sicherheitsgründe, teilweise um Schlangen zu vermeiden nur für kurze Zeit anhalten.

Einzigartig war die Lebendigkeit des ganzen Projekts, welches im See nicht als Fremdkörper lag, sondern beim Simulieren dessen Wellengangs ihm gehörte. Die Empfindlichkeit der Installation war sowohl ihr Vor- als auch ihr Nachteil: Aufgrund der Wetterabhängigkeit konnte der Kunstbau beim unruhigen Wasser stundenlang geschlossen bleiben.

Der Abbau der Installation – angefangen schon am 4. Juli – wird drei Monate dauern, so der Betriebsleiter Vladimir Yavachev in der letzten Pressemitteilung. „Da die plötzliche Vermarktung einer so großen Menge von Waren den Markt gefährden würde, wird keine dieser Materialien verkauft, ohne dass sie vorher verarbeitet werden“, erklärt der Projektleiter Wolfgang Volz in einem Interview. Die verarbeiteten Schwimmwürfel, Anker, Nylongewebe und Filz werden dann beziehungsweise in der Plastik-, Textil und Schiffbauindustrie  wiederverwertet.

  • Der Künstler: 1 = hervorragend
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Christo in his studio working on a preparatory drawing for The Floating Piers, New York, November 2015 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo 2015

Zwei Jahre hat die Planung dieses gigantisches Projekts gedauert, welches der 81 jährige Christo – wie bei jeder anderen Installation vom Künstlerehepaar – selbst finanziert hat. 18 Millionen Euro hat insgesamt das Projekt gekostet. Kassiert hat die Region Lombardei 1.5 Millionen davon, sowohl als Konzessionsabgabe für die Nutzung des Sees und der naheliegenden Gemeinden als auch um die Kosten für die Sicherheitseinrichtungen – Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr und Fernmeldeanlagen – zu decken. Zusätzlich hat der Künstler für vermehrte Müllabführen und temporäre Toiletten bezahlt und mehr als 1.000 Leuten angestellt.

An Bord eines Floßes hat Christo jeden Tag für mehrere Stunde den Stand und Erfolg seines Projektes beobachtet und die applaudierenden Besucher begrüßt. Unmittelbar nach dem Ende der Installation hat sich der unermüdliche Künstler in die zwei anderen Projekten versenkt, die er mit Jeanne-Claude beziehungsweise im Jahr 1977 und 1992 konzipiert aber nicht vervollständigt hatte: The Mastaba in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Over the River auf dem Arkansas River in den USA.

  • Die Lage: 1 = hervorragend
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View of Lake Iseo from its earth pyramids – Credit to www.lakeiseo.it

Vor Christo war die Provinz Brescia meistens für den Schaumwein Franciacorta bekannt, welches Name die gesamte Weinbauregion bezeichnet, die sich auf 23 Gemeinden südlich des Iseosees erstreckt. Das Areal rund um dem See hat aber viel mehr önogastronomische Delikatessen anzubieten: getrocknete Süßwassersardinen, die typische Polenta, Hartkäse aus roher Kuhmilch wie Silter, Casolet und Rosa Camuna, und die einzigartige Salami aus Monte Isola.

Die Provinz Brescia ist auch historisch und kulturell sehr reich. Zweimal hat sie die UNESCO den Titel von Welterbe verliehen: Im Jahr 1979 wurden die Felsritzungen des Valcamonica anerkannt, welche mit ihren 300.000 Figuren die weltweit größte Fundregion prähistorischer Petroglyphen sind, und 2011 wurde der archäologische Bereich des Forum Romanum und der klösterliche Komplex von San Salvatore-Santa Giulia im Zentrum von Brescia ausgezeichnet.

Dazu steht der Iseosee selbst mit seinen glasklaren Badegewässer und den schönen umgebenden Gebirgen anderen bekannteren italienischen See wie Como oder Garda in nichts nach. Einfach erreichbar ist er auch: Der internationale Flughafen Bergamo und die Ausgänge Brescia, Palazzolo sull‘Oglio und Rovato der Autobahn A4 Mailand-Venedig sind beziehungsweise 40 und 30 Minuten vom See entfernt. In vielen Gemeinden am See kann man auch mit dem Zug oder durch den 282 Kilometer langen 3-Flüsse-Radweg Oglio-Tonale-Po mit dem Fahrrad ankommen.

Über das Projekt Christos haben sich alle Tourismusunternehmen aus dem Gebiet sehr gefreut. In den 16 Tagen der Installation wurden nämlich insgesamt 4,2 Millionen Euro am Tag kassiert. Von allen Gästen waren der 91% neue Kunden, darunter waren der 58% Italiener und der 42% Ausländer, hauptsächlich Deutschen. Die Hoffnung ist, dass der Floating-Piers-Effekt noch lange wirken wird.

  • Die Organisation: 5 = mangelhaft
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Queue in front of an entrance – Credit to www.bresciaoggi.it

Obwohl an der Installation internationale Fachkräfte gearbeitet haben, war die Organisation deren Besuch voll all’italiana.

Es gab sowohl verschiedene Eingänge als auch alternative Verkehrsmittel zum Installation, die aber nur auf dem Internet richtig kommuniziert wurden. Um die lange Wartezeit stark zu reduzieren, musste man also schon vorher recherchiert haben, oder ein paar Minuten in den wenigen Info-Points am Anfang verlieren, um Informationen zu sammeln.

Dazu habe ich für einen Durchschnitt von 75.000 Besuchern am Tag viel zu wenige Metalldetektoren gesehen. Und das trotz der Tatsache, dass schon viele Anschläge in der europäischen Öffentlichkeit stattgefunden hatten.

Da die Stege wetterabhängig waren, hätte man daher erwartet, dass die Zuständigen eindeutige Leitfäden darüber bekommen hätten. Ganz im Gegenteil wusste niemand, den ich bei meinem Besuch gefragt habe, wann und ob die Stege wieder öffnen wurden. „Sie werden wahrscheinlich heute nicht mehr geöffnet werden“, antwortete mir ein Zuständige dreißig Minuten vor meinem begeisterten Spaziergang übers Wasser.

Schließlich waren die Schlangen an den Eingängen, in den Cafés und für die Toiletten komplett unorganisiert. Was diesbezüglich gesagt werden muss ist aber, dass die ausländischen Besucher sich sofort an die weltweit bekannte List der Italiener angepasst haben, und jeden möglichen Trick versuchten, in den langen Schlangen sich vorzudrängen. Hier nur ein kleiner Hinweis: durchschnittlich mögen zwei von zehn Italienern wohl listig sein, die anderen acht sind aber normale Leute, die einfach an der Reihe warten. Respektvoll gegenüber der Mehrheit sollte man immer und überall sein.

Eine Lanze für die jungen Angestellten der Info-Points und die vielen Bademeister möchte ich zum Schluss brechen: Sie waren wirklich sehr hilfsbereit und vorbereitet.

 

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