DANK CHRISTO ÜBERS WASSER LAUFEN

Drei Kilometer lang, 16 Meter breit, 35 Zentimeter hoch. Diese sind die Dimensionen der Stege, welche vom 18. Juni bis zum 03. Juli die am lombardischen Iseosee liegende Gemeinde Sulzano mit den Inselchen Monte Isola und San Paolo verbinden. Dazu kommt noch eine 2,5 Kilometer lange Strecke auf dem Festland. Das Projekt heißt „The Floating Piers“ – zu Deutsch: Die schwebenden Stege  und wurde schon im Jahre 1970 vom weltweit bekannten Künstlerehepaar Christo and Jeanne-Claude konzeptualisiert. Nach dem Tod von Jeanne-Claude im Jahr 2009 hat Christo alleine den Kunstbau zustande bringen wollen: „Die Besucher von „The Floating Piers“ sollten damit erleben, wie es sich übers Wasser – oder vielleicht auf dem Rücken eines Wals – zu laufen anfühlt“, so beschreibt der bulgarische Künstler sein Projekt auf dessen Webseite.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Chisto

Im Frühling 2014 hat die Planung dieses gigantische Projekts begonnen, welches der erste wirkliche Kunstbau des Künstlerehepaars in Italien darstellt. In den vergangenen Werken in Spoleto (1968), Mailand (1970) und Rom (1973-74) handelte sich in der Tat um Verhüllungen schon existierender Denkmale. Mit einem Team internationaler Fachkräfte hat Christo zuallererst alle norditalienischen Seen erkundet, um den spektakulärsten Standort zu finden. Nach dem Wahl des Sees Iseo in der Provinz Brescia – 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig – wurde sofort und intensiv daran gearbeitet:  Genehmigungen wurden bei dem privaten Besitzer der Insel San Paolo und den regionalen Behörden eingereicht, 200.000 Kubikmeter Schwimmwürfel hergestellt, Tests durchgeführt und 100.000 Meter hellgelben Stoffs auf den Stegen ausgedehnt.

Die Verhüllung der Stege hat aber erst am Tag vor der Eröffnung mit einer aufwendigen Aktion hunderter Mitarbeiter stattgefunden. Einerseits wollte der Künstler den Überraschungseffekt mit seinen Besuchern nutzen, andererseits braucht der Stoff nicht mehr als die geplanten 16 Tage der Installation, damit sich das Hellgelb in die vom Christo gewünschten roten und goldbraunen Nuancen durch das Seewasser umwandelt.

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Christo is watching a diver hooking a fabric panel to the side of a floating pier, June 15, 2016 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

Wie jedes andere Projekt von Christo and Jeanne-Claude gibt es auch für „The Floating Piers“ keine Eintrittskarte und keine Öffnungszeiten. Der Künstler finanziert sich selbst durch den Verkauf seiner Werke an privaten Sammlern, Museen und Kunstgalerien. Daraus arbeitet der 81-jährige Künstler durchschnittlich 14 Stunden am Tag, egal ob in dem ausländischen Hauptquartier eines seiner Projekte oder ob in seinem New-Yorker Studio in Soho, wo er mit Jeanne-Claude im Jahr 1964 umzog. Alle Materialien werden nach Installationsende abgebaut und wiederverwertet.

„Genau wie ein Maler, der sein Gemälde mit bestimmten Farben füllt, nicht weil er jemandem gefallen möchte, sondern weil er einfach diese Farben mag – so habe ich auch mit diesem Projekt gemacht“, erklärt Christo in einem Interview an der britischen Zeitung Daily Mail.  Das Wasser, die Sonne, die Kilometer, der Wind, der Schreck, die Freude: alles müsse echt sein – berichtet Christo weiter, der selbstverständlich Handys und Rechner verabscheue, weil er „the real thing“ bevorzuge.

Erwartet sind insgesamt 1,5 Millionen Besucher, über welche auch das Gastgewerbe der Provinz Brescia sich natürlich sehr freut. Die Sicherheit der Installation – die von 120 Bademeistern und 150 Stewards beziehungsweise auf Booten und auf dem Festland bewahrt wird –  ist natürlich wetterabhängig: Sei das Seewasser unruhig, muss die Anzahl der erlaubten Personen auf den Stegen – rund 10.000 Köpfe am Tageslicht, 4.000 in der Nacht – stark reduziert werden. Auch bei schönem Wetter kann zu Stoßzeiten die Wartezeit an der Küste bis zu zwei Stunden dauern.

Parken kann man in den 11 eingerichteten Parkplätzen rund dem See. Von dort aus ist der Installationseintritt in Sulzano durch Shuttles oder Fährschiffe erreichbar. Der Eingang zur Gemeinde Sulzano wird für die 16 Tage der Installation gesperrt. Die einzige Ausnahme betrifft die 1.917 Einwohner und die Autofahrer, welche den Polizisten eine gedruckte Kopie der Buchungsbestätigung vonseiten der einzigen buchbaren Parkplatz der Gemeinde (Parkplatz Gerolo) vorzeigen können.  Alternativ  kann man Sulzano mit dem Zug erreichen.

Auf den Stegen verboten sind Stöckelschuhe, Fahrräder, Regenschirme, Sprünge und das Rauchen. Hunde müssen Maulkörbe tragen. Erlaubt und sogar von Christo empfohlen ist barfuß auf den Stegen zu laufen. Mitbringen sollte man Sonnenhüte, Sonnenbrillen und hauptsächlich Geduld.  Am ersten Wochenende wurden für einige Stunden aufgrund der sehr hohen Besucherzahlen und des Regens sowohl den Eintritt zur Installation als auch die Züge und das Shuttle-Service nach Sulzano gestoppt.

Trotz des Chaos sind aber die Kommentare der Besucher durchaus positiv: „Als ich auf dem Festland zurückkam, habe ich sofort gedacht „Mensch, ich will zurück““, erzählt eine begeisterte 31-jährige Ingenieurin. Von oben, bei Nacht, mit wenigem Gewühl würde sie die Installation gerne nochmals erleben: „Ich will einfach dem Künstler danke sagen: Sein Kunstbau verschmelzt sich respektvoll mit der Natur, und trotzdem unterscheidet sich davon“. Mitreißend vom Scheitel bis zur Sohle sei die Erfahrung für eine 38-jährige Pädagogin gewesen: „Überraschend wie die Idee eines Einzelnes, so viele Leute ansprechen kann. Man braucht nicht viel, um Menschen zusammenzubringen. Das lassen uns manchmal die neuen Technologien vergessen.“

Auch die anfänglichen Zweifler sind im Endeffekt mit der Erfahrung zufrieden: „Man hätte vielleicht die Installation und deren Areal mit Fotos oder Texte bereichern können“, berichtet der 31-jährige Carlo, „Unschätzbar ist aber das Gefühl, die Stärke der Wellen unter den Fußen zu fühlen“.  Wir mögen klein und vergänglich sein, aber dazu seien wir fähig, wunderbare Schönheit zu erschaffen, sagt er weiter. „Ich fühlte mich ein wenig verwirrt und seekrank“, erzählt die 26-jährige Francesca, die auch anfänglich von der Installation Christos nicht genau überzeugt war, „Nach ein paar Metern habe ich mich aber einfach darauf verlassen: Es war als ob ich ruhig und im Einklang mit dem See und der Landschaft obenauf schwamm“.

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The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16 – Photo: Wolfgang Volz – © Christo

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