MEINE AFGHANISCHE FAMILIE

Nach acht Monaten Abwesenheit war ich kürzlich wieder bei ihnen: der Familie Popal. Und wie üblich war unser Treffen eine große Feier.

Mit selbst gebackenen afghanischen Frikadellen und Süßspeisen hat Kathira mich und meinen Freund köstlich abgefüllt. Über alles Mögliche – unsere Familien, die Arbeit, die Zukunft – haben wir uns mit ihr und Wali wie alte Freunde unterhalten. Sogar mit Kathiras Mutter aus Pakistan haben wir geskypt. Mit den Kindern haben wir Videos angeschaut, und insbesondere habe ich lange mit Maryam über die Fernsehserie „Violetta“ geplaudert, für welche wir beide leidenschaftlich sind. All das natürlich während es an Trockenfrüchten, Nüssen und Mandeln geknabbert und literweise grüner Tee gegossen wurden.

Es ist also nicht überraschend, dass ich von allen Flüchtlingen – die ich während meines Praktikums an der Süddeutschen Zeitung interviewen konnte – besonders diese Familie in mein Herz geschlossen habe.

Wali und Kathira zusammen mit ihren sieben wunderschönen Kindern – Zainab, die Zwillinge Maryam und Ahmad, Aisha, Abdullah, Kawsar und Hekmattullah – sind tatsächlich das herausragendste Beispiel für Gastlichkeit, Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit.

Und das trotzt des Schreckliches, das sie erleben mussten.

Sechs Monate hat die fürchterliche Flucht aus Afghanistan nach Deutschland gedauert. Papa Popal, die schwangere Mama Popal und die sechs Kinder sind mit einem Bus von Kabul durch Pakistan und Iran gereist. Von daher haben sie mit PKWs, LKWs und sogar zu Fuß die Türkei erreicht. Da die Sprache von der Türkei an nicht mehr für sie verständlich war, löste sich jeder Anhaltspunkt auf und die Reise wurde noch verwirrter. Mit einem der überfüllten Booten, die wir jeden Tag im Fernsehen sinken schauen, sind sie vermutlich nach Griechenland oder Italien angekommen. Deutschland war nun einen Steinwurf entfernt. Per Anhalter sind sie bis Passau gefahren, wo im Mai 2013 die Polizei sie festgehalten und in einem Flüchtlingscamp am Kieferngarten bei München einquartiert hat.

75.000 US-Dollars hat die Flucht der Familie gekostet, mehr oder weniger den Wert der zwei Apotheken, des schönen Hauses, des Autos und des Goldes, die sie dafür verkaufen mussten. Im Tausch dieser Summe hatten ihnen die Flüchtlingshändler eine sichere Reise versprochen, mit Essen und einem gewissen Komfort. Andersherum ist Kawsar wegen Hunger kollabiert, weil es nur einmal am Tag Kekse, ein Brötchen und Wasser gab. Nachts mussten sie reisen, während man ihnen tagsüber befahl, zusammengedrängt zu schlafen. In der Türkei waren sie 20 Stunden hintereinander – oft unter dem Schnee – pausenlos unterwegs, bis wann sie frierend im Keller eines Mannes versteckt wurden.

Deutschland zu erreichen hat für die afghanische Familie das Ende eines Alptraums bedeutet, und einigermaßen zählen sie zu den glücklichsten Flüchtlingen, die hier ankamen. Wegen der schwierigen Schwangerschaft Kathiras und der vielen kleinen Kindern bekamen die Popal kurz nach deren Einreise eine kleine, aber gemütliche Wohnung in Fürstenfeldbruck, wo sie noch heute wohnen. Sechs der sieben Kinder wurden sofort in örtlichen Kindergärten und Schulen aufgenommen und sind mittlerweile schon alle zweisprachig (Hekmattullah darf erst 2016 im Kindergarten angemeldet werden).

Einfach ist es jedoch auch in Deutschland nicht. Finanziell wird die Familie sowohl vom Staat als auch vom Landratsamt Fürstenfeldbruck geholfen, da Wali und Kathira erst nach einem dreijährigen Deutschkurs eine Arbeit nehmen dürfen. Dreimal die Woche besuchen sie die Sprachschule, mit sieben Kindern haben sie aber fürs Lernen nur spät abends Zeit, nachdem die Kinder eingeschlafen und die zahlreichen Hausarbeiten erledigt sind.

Ehrenamtlich arbeitet Wali seit Oktober 2015 vier Stunden am Tag in einem Caritas- Gebrauchtbuchladen in Fürstenfeldbruck, um seinen Deutsch zu üben und eine nützliche Referenz für seine Arbeitszukunft vom Betreiber einzuholen.

Ich bin der Familie Popal sehr dankbar, weil sie mich von Tag eins an wie eine Freundin empfangen haben. Weil sie mich ständig ihre Freude am Leben zeigen. Und weil sie den Beweis dafür sind, dass Flüchtlinge nicht nur ein Problem darstellen, sondern unsere Leben bereichern können.

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