LEHREN DER VERGANGENHEIT

25 aprile 1945

Am 25. April gedenken die Italiener der Befreiung vom Faschismus und der Besetzung durch die Nationalsozialisten sowie der Opfer des Zweiten Weltkriegs. An diesem Tag vor 70 Jahren floh der italienische Diktator Benito Mussolini vor den Alliierten aus der Republik von Salò – einem faschistischen Satellitenstaat in Norditalien unter der militärischen Protektion des Deutschen Reichs -, und das Komitee der nationalen Befreiung verkündete über das Radio den Erfolg des Widerstands und den Todesbefehl für alle noch in Freiheit befindlichen Faschisten Italiens. Seitdem ist der 25. April ein gesetzlicher Feiertag, an dem Konzerte und Veranstaltungen in ganz Italien organisiert werden, um die Helden der „Resistenza“ zu feiern.

Im Hinblick auf diesen Feiertag gestalten Schulen und Universitäten verschiedene Aktivitäten, um das Interesse der Jugendlichen an diesem wichtigen Thema hochzuhalten.

Seit 1997 nimmt Arianna Tegani, Geschichtelehrerin des „Liceo Rinaldo Corso“ in Correggio – das dritte beste Gymnasium des Landes Emilia Romagna – mit ihren Schulklassen an Gedenkfahrten nach Konzentrationslager Europas teil, die durch das Historische Institut des Widerstands Reggio Emilias organisiert werden. Im Jahre 2008 fuhren 600 Schüler aus 14 Schulen nach Dachau. „Als ich ins Konzentrationslager eingetreten bin, habe ich mich so ohnmächtig und verloren gefühlt“, schrieb eine Teilnehmer über diese Erfahrung, „Es ist unglaublich zu denken, dass Menschen zu so einer degenerierten Idee kommen konnten.“  Es wäre einfach, sich die Tätet als Dämonen vorzustellen, schreibt ein anderer Teilnehmer: „Damit würden wir aber nur die Tatsache vergessen wollen, dass etwas Böses in jedem von uns steckt. Auf beiden Seiten des Stacheldrahts waren im Gegenteil Menschen wie wir. Wir alle müssen uns bemühen, damit es nie wieder zu der Entscheidung kommt, Opfer oder Täter zu sein.“

Für das 70. Jubiläum der Befreiung hat sich aber Tegani was anders ausgedacht. „Eine andere Geschichte ist möglich“ heißt das Projekt, an dem die 57-jährige Lehrerin mit ihren Klassen das ganze Jahr gearbeitet hat. „Ziel des Projekts war, eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur durch Gewalttaten bezeichnet ist, sondern auch durch Initiative kleiner Menschen, die, sozusagen, Blut erspart haben“, erklärt sie. In dem toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema haben die Schüler den Zeitzeuge Enrico Pieri getroffen. Der Mann – heute 80-Jährige – erlebte in der Nacht des 12. August 1944 während eines von Truppen der Waffen-SS verübten Massakers die Ermordung seiner ganzen Familie und 140 seiner Mitbürger. Trotz dieser Erfahrung sprach er mit den Jugendlichen über die Macht der Vergebung und die Wichtigkeit eines freien demokratischen Europa.

PIETRE DI INCIAMPO ISTORECO VIA MONZERMONE REGGIO EMILIAAuch an dem Projekt „Stolpersteine“ des deutschen Künstlers Gunter Demnig hat das Liceo Rinaldo Corso teilgenommen. Seit 20 Jahren herstellt der Künstler Betonsteine mit den Namen der Opfer des Nationalsozialismus, die er dann vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster verlegt. Mit 50.000 Steinen europaweit hat sich das Projekt zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. „Im Januar 2015 hat Demnig den Stolperstein für Lucia Finzi – die einzige Jüdin aus Correggio, die in Auschwitz gestorben ist – in unserer Stadt verlegt“, erklärt Tegani, „Während der Verlegung haben die Schüler einige Auszüge aus der Biografie von Lucia gelesen, die sie selbst nach Recherchen in dem Archiv der Familie Finzi geschrieben hatten“.

Für die Studenten der Geisteswissenschaften der Universität Modena und Reggio Emilia hat der Professor für zeitgenössische Geschichte Lorenzo Bertucelli besondere Lesungen vorbereitet. Eine davon wurde von Beniamino Goldstein – dem Großrabbiner der Jüdischen Gemeinschaft von Modena und Reggio Emilia – gehalten. Im Anschluss daran wurde ein Besuch der Synagoge Modenas organisiert. „Dazu ist die Uni ein Partner des Hauses der Geschichte Modenas und der Stiftung Ex Campo Fossoli“, erklärt Bertucelli, der auch Präsident dieser Stiftung ist. Ziel der Stiftung sei die Aufbewahrung des Memorie solide - Modena HBFehemaligen Durchgangslagers Fossoli in der Provinz Modena, aus dem ein Drittel der italienischen Juden in Vernichtungslager Mittel- und Osteuropas deportiert wurden. „Ein besonderes Projekt für das Jubiläum war die Freiluftdarstellung „Memorie solide“ (Solide Gedächtnisse), die durch zehn künstlerische Einrichtungen rund um die Innenstadt Modena wichtige Vorfälle des Zweiten Weltkriegs präsentieren“.

Anders als die Lehrer, welche die Leitfaden des italienische Bildungsministerium in deren Lehrplan für Geschichte zu folgen haben, können die Professoren ihr jährliches Programm frei gestalten. „Natürlich fokussiert man sich eingehend auf den Ersten und Zweiten Weltkriege, die tendenziell auf einer europäischen Ebene betrachtet werden“, sagt Bertucelli, „Im Endeffekt kann man die Entwicklungen nach 1945 bis unsere Zeit nur begreifen, wenn man die Geschichte der beiden Konflikte vertieft hat.“ Gleichermaßen sollte man über den Nationalsozialismus immer in Zusammenhang mit dem Holocaust sprechen, da der Holocaust Bestandteil dieser Ideologie gewesen sei. Das Risiko der Holocaust-Leugnung einiger Professoren kann man aber realistisch nicht völlig ausschließen, obwohl „diese Stellungnahme in jeglicher italienischen Universität nicht akzeptabel und öffentlich verurteilt wäre.“

In den Schulen ist dieses Risiko dank der Einführung des Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust viel geringer. Aus dem Jahre 2000 ist nämlich das italienische Gesetz 211/00, welches den 27. Januar dem Gedenken an den Holocaust und den Gerechter widmet. Laut dem zweiten Artikel dieses Gesetzes sind alle Schulen dazu verpflichtet, ihre Schüler an diesem Tag sorgfältig vorzubereiten, damit an diese tragische Periode unserer Zeit immer wieder erinnert wird. Fünf Jahre später wurde der 27. Januar durch die Resolution 60/7 der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Obwohl 70 Jahre vergangen sind, scheint das Interesse der Jugendlichen über diese Themen noch groß zu sein. „Die Studenten sind heute sogar interessierter als vor 15 Jahren“, informiert Bertucelli, der seine Karriere als Professor im Jahre 2001 angefangen hat. „Es war damals der Anfang einer Zeit rascher Umgestaltungen und Veränderungen, und die Studenten bekundeten offensichtlich kein Interesse an der Geschichte und der Vergangenheit im Allgemeinen“. Derzeit habe sich die Situation stabilisiert: wir befinden uns vor einer sehr veränderten Welt, die ständig neue Herausforderungen stellt. Es besteht also zunehmend Bedarf an Anhaltspunkte: „Die Studenten möchten heute wissen, woher sie kommen und woher das alles angefangen hat.“

Wichtig ist es aber auch, wie man diese Themen den Jugendlichen vorstellt. „Man darf sie nicht banalisieren“, berichtet Tegani, „Die Vorbereitung auf den Tag des Gedenkens heißt nicht, allein einen Film wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ zu zeigen, damit die Schüler darüber weinen können.“ Das Weinen sei eine emotionale Reaktion und daher schnell vergänglich. „Um Früchte tragen zu können, muss das Thema durch verschiedene Inputs vertieft werden.“ Ziel des Unterrichts sei es schließlich, den Schüler die Wahrung der Menschenwürde beizubringen, und die Geschichte so zu präsentieren, dass sie auch als Leseschlüssel der Gegenwart benutzt werden könne.

Dieses Ziel könnte auch außerhalb der Schulen und der akademischen Welt bald erreicht werden. Im Oktober 2015 sei nämlich die Einweihung einer der ersten Public-History-Masterstudiengänge Italiens an der Uni Modena und Reggio Emilia vorgesehen. „Dieser Studiengang wird seine Absolventen nicht nur dafür qualifizieren, ihre Erkenntnisse als Fachhistoriker in einem breiten öffentlichen Kontext vermitteln zu können“, erklärt Bertucelli, „Sondern auch vielmehr eine Geschichte aufzubereiten, die die Allgemeinheit betrifft, von dieser selbst mitgestaltet wird und auch geschrieben werden kann“.

Teil dieses Artikels ist am 11.05.2015 auf der Süddeutschen Zeitung Dachau erschienen.

SZ-Dachau S. 11 Kultur 11.05.15

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