Der Blutbad an der Uni Garissa: Die Studenten auf dem Foto sind wir

Nacht der TrauerMindestens 147 junge Menschen kamen am Donnerstag, 2. April, bei einem terroristischen Angriff an der Universität der Stadt Garissa im Südosten Kenias ums Leben. Zu der Tat bekannte sich die Islamistenmiliz Al-Shabaab (Bewegung der Mudschahidin-Jugend) aus dem Nachbarland Somalia, welche die mit Abstand aktivste Terrororganisation in Kenia ist.

Am Samstag, 4. April, entschied die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ das Foto des Massakers auf ihrer 6. Seite zu veröffentlichen. Darunter erschien ein Artikel des Schriftstellers Paolo Giordano, international bekannt für seinen Bestseller „Die Einsamkeit der Primzahlen“.

Im Artikel, betitelt „Knacken wir den Nuss der Apathie. Jene jungen Menschen auf dem Boden sind wir“ (Rompiamo il nocciolo dell’apatia. Quei ragazzi per terra siamo noi), fordert Giordano die Leser auf, sich weiße statt schwarzen Leichen auf dem Foto vorzustellen. Ziel dieser „Übung“ sei es, den Horror des Massakers nicht durch das Gehirn zu registrieren und später zu vergessen, sondern durch das Herz, damit die Wunde offen bleibe. Wenn die Leichen weiß wären, meint der Autor weiter, würden wir einfacherweise uns selbst als ehemalige Studenten in diesen Leichen erkennen. Denn das sei der Punkt: Die Studenten von Garissa seien getötet worden, weil sie uns ähnelten. Weil sie Christen waren. Weil sie sich für die gleiche universale Kultur interessierten, auf der sich unser Alltag basiere.

Den Artikel Giordanos wurde von der italienischen mit somalischen Wurzeln Schriftstellerin Igiaba Scego stark kritisiert. Auf der italienischen Wochenzeitschrift „Internazionale“ schrieb Scego am Sonntag, 5. April, den Artikel „Ich wollte jenes Foto nicht sehen“. Zur Kritik gehört zuerst die Empörung über die Veröffentlichung des Fotos. Diesbezüglich berichtet Scego über eine Twitter-Diskussion zwischen den Journalisten Jon Lee Anderson (New Yorker), der das Foto des Massakers getwittert hatte, und Ishaan Tharoor (Washington Post), der den Kollege fragte, ob er das Foto auch getwittert hatte, wenn das Massaker in den USA stattgefunden hatte.

Scego vergleicht das Foto mit dem Gemälde „Der Triumph des Todes“ des niederländischen Malers Bruegel, in dem die Leichen keine Identität haben und alle, sowohl der König als auch der Bettler, das gleiche tragische Schicksal teilen. „Hat niemand daran gedacht, dass dieses Foto die Familien der Studenten betrüben könnte?“, schreibt Scego weiter.

Als ob die Familien die Leichen der eigenen Lieben nicht schon gesehen hatten… Als ob ein Foto zu sehen schmerzhafter als die Tatsache wäre, das eigene Kind oder Partner für immer verloren zu haben…

Was aber am meisten die Autorin schockiert hat, ist die „Übung“, die Giordano in seinem Artikel vorgeschlagen hat. „Reicht es nicht, dass wir alle Menschen sind, um uns mit diesen Opfern identifizieren zu können? Warum sollten wir uns einen schwarzen Körper weiß vorstellen?“, schreibt Scego.

Meiner Meinung nach ist die Antwort auf die erste Frage – leider – nein. Der Grund, welcher die zweite Frage antwortet, liegt nicht darin, dass wir alle rassistisch sind (Giordano und ich zweifellos nicht), sondern darin, dass unser primordialer ethnozentrischer Instinkt daran tendiert, die ethnische „Eigengruppe“ von den anderen „Fremdgruppen“ auseinanderhalten. Beispielweise werden Jesus Christus und Maria in den europäischen Kirchen meistens mit einer hellen Hautfarbe dargestellt, während sie ziemlich olivenfarbig gewesen sein sollten. Warum? Weil wir es brauchen, um uns in deren Schicksal einfühlen zu können.

Ich bin mit Scego einverstanden, dass das Foto des Massakers von Garissa nicht auf der Seite einer Zeitung zur Schau gestellt oder über Twitter geteilt sein sollte. Dessen Betrachtung sollte nicht aufgedrungen werden, sondern von den Menschen gesucht, die das wirklich sehen möchten. Ich persönlich bin für dessen Veröffentlichung dankbar.

Minutenlang habe ich das Foto angeschaut und die Übung Giordanos durchgeführt. Plötzlich sind alle Erinnerungen meiner Uni-Zeit hochgekommen: Die vielen Stunden über die Bücher gebeugt, den Stress und den Leistungsdruck, aber auch die Zufriedenheit bei einer guten Note, die vielen inspirierenden Professoren und Vorlesungen und vor allem die Lachen mit meinen Freundinnen bis unsere Bauchmuskeln um Hilfe riefen.

Ähnliche Erinnerungen werden den jungen Menschen auf dem Foto nie ein Lächeln schenken. Nicht nur deren Erinnerungen, sondern auch ihre Träume und ihre ganze Zukunft wurde von unmenschlichen Ignoranten vernichtet.

Garissa hat 120.000 Einwohner, Modena, wo ich studiert habe, 185.000. Im Vergleich zu der Uni in Garissa soll meine Uni nicht viel größer sein. So einen Innenhof hatten wir auch. Ich könnte eine dieser zusammengepferchten namenlosen Leichen sein. Neben mir könnten meine Freundinnen liegen.

Ohne es zu wissen, hatte ich Tränen in den Augen.

Wir brauchen die Übung Giordanos durchzuführen. Wir brauchen es nicht nur bei dieser Ungerechtigkeit, sondern bei allen Fällen, die Opfern und Schmerz fordern. Nur dadurch wird vielleicht eines Tages die Tatsache mal reichen, dass wir alle Menschen sind, um uns mit unserer Geschwister auf der Welt zusammengehörig zu fühlen, wie sich Scego wünscht.

Am Ende seines Artikels fragt sich Giordano, ob wir ertragen würden, dass die Uni La Sapienza, die Paris-Sorbonne, die Humboldt oder irgendeine unserer Universitäten für einen Tag in ein Massengrab verwandelt wurden. Er könne sich das nicht vorstellen, trotzdem sei es schon passiert.

[ … ]
Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

Ist das ein Mensch?, P. Levi

Zum Artikel Scegos: http://www.internazionale.it/opinione/igiaba-scego/2015/04/05/garissa-campus-kenya-massacro-non-volevo-vedere-quella-foto

Zum Artikel Giordanos: http://archiviostorico.corriere.it/2015/aprile/04/Rompiamo_nocciolo_dell_apatia_siamo_co_0_20150404_07a3d5a0-da91-11e4-ae22-33a24e243db5.shtml

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