ISIS: Wer ist daran schuld?

Am 27. Febraur hat das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME einen Sonderbericht namens „Inside ISIS“ veröffentlicht. Dazu gehörte ein Video (http://c.brightcove.com/services/viewer/federated_f9?isVid=1&isUI=1), welches Interviews mit dem Bruder und dem Vater eines Mitglieds der Al-Nusra-Front, mit der Mutter eines ISIS-Kämpfers und mit dem Imam Mehmet Sait enthälte.

An die folgende Behauptung des Imams musste ich oft in den nächsten Tagen zurückdenken.

“The problem with Syria is that Assad has been killing many people for many years now. But now these people are waking up and realizing what the West offered is just poverty, drugs, tears and suffering. We believe that whether there is violence, the responsibility comes from the West.”

“What the West offered is just poverty, drugs, tears and suffering.” Was hat nämlich der Westen dem Mittleren Osten angeboten? Wenn man an die Einmärsche der letzten Jahrzehnte denkt, muss man eigentlich mit dieser Äußerung zustimmen.

Im Jahre 2001 sind die Truppen der Nato geführten International Security Assistance Force (ISAF) nach Afghanistan einmarschiert, um die herrschende Taliban-Regierung zu stürzen und die für die Terroranschläge am 11. September 2001 verantwortliche Steve McCurry - AfghanistanTerrororganisation al-Qaida zu bekämpfen. Erst im Dezember 2014 sind die letzten US-Truppen daraus abgezogen. Was sie erreicht haben ist jedoch unklar: Das Land ist nach wie vor von Bürgerkrieg, Terrorismus und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit gezeichnet und die ISAF-Schutztruppen haben keine klare Strategie hinterlassen, das zeigt, was aus Afghanistan nach deren Abzug werden soll.

Der Krieg im Irak, dessen Begründung einen angeblich bevorstehenden irakischen Angriff mit Massenvernichtungsmitteln auf die USA war (Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak haben die USA bisher allerdings nicht vorgelegt), beendete nach knapp zwei Monate am 1. Mai 2003. Der Versuch vonseiten der sogenannten „Koalition der Willigen“ unter Führung der Vereinigten Staaten einen demokratischen Staat nach westlichem Vorbild im Irak aufzubauen, der die verfeindeten Volksgruppen Schiiten, Sunniten und Kurden hätte versöhnen und integrieren sollen, endete hingegen mit dem Abzug der letzten verbliebenen US-Kampftruppen erfolglos acht Jahre später im Jahre 2011.

Die Sicherheitslage des Iraks gilt heute noch als äußerst instabil: Es herrscht Korruption, die religiösen Gruppen kämpfen um die Vorherrschaft und weder die irakische Regierung, noch die ehemaligen Besatzungsmächte halten sich an grundlegende Menschenrechtsstandards. Der Irak ist ein der potentiell reichsten Länder der Welt und doch leben mehr als sieben Millionen Iraker unter der Armutsgrenze.

Vor gut drei Jahren griffen die NATO und eine Reihe arabischer Staaten in Libyen ein. Die Intervention führte zum Sturz des diktatorischen Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi, doch sein Tod hat dem Land keinen Frieden gebracht. Im Land herrschen weiterhin Gewalt, Chaos und Hass auf den Westen. Milizen haben die Macht übernommen und die Gaddafi-treuen Städte eine nach der anderen erobert oder niedergebrannt. Die Zentralregierung hat kaum Einfluss, die monatelange politische Lähmung dauert weiter an. Der Sturz von Muammar al-Gaddafi hat aber nicht nur in Libyen zu drastischen Umbrüchen geführt: Jahrelang war der Diktator für Europa das Bollwerk, das Flüchtlingen den Weg versperrte. Inzwischen ist die Küste Libyens für mehr Menschen denn je der Startpunkt mörderischer Überfahrten in Richtung Europa. Die Menschenschmuggler kennen keine Menschenrechte und selbst wenn, niemand ist da, sie zu kontrollieren.

“We believe that whether there is violence, the responsibility comes from the West.”

Abdullah - Kind des ISISVor einigen Monaten wurde die westliche öffentliche Meinung über das ISIS-Propagandavideo „Race Towards Good“ (dt. „Wetteifert um das Gute“; Zitat aus der fünften Koransure) schockiert, in dem der junge Kämpfer Abdullah mit erschreckender äußerlicher Gelassenheit zwei angebliche russische Spione vor laufender Kamera erschießt. Weiter gezeigt werden ISIS-Trainingscamps für Kinder zwischen sieben und 16 Jahre, die dort eine strenge, gewalttätige Erziehung, eine Mischung aus Indoktrinierung, Sport und eine Ausbildung an Kleinwaffen erhalten. Von der Existenz dieser Camps sollte man sich nicht überraschen lassen.

ISIS- TrainingscampDie Tatsache, dass die Massenmedien uns ermöglichen, die Brutalität dieser Camps nur heute zu erfahren, bedeutet es aber nicht, dass sie eine Neuheit in der Welt des Terrors sind. Ich bin davon überzeugt, dass es diese Camps schon seit langem gibt: Die Trainers und ISIS-Kämpfer von heute sind also einfach die damaligen Kinder, die in ähnlichen Camps erzogen wurden.

Wenn der Westen wirklich was Gutes für diese Länder hätte tun wollen, hätte er anstatt des Versuchs, demokratische Staaten nach westlichem Vorbild aufzubauen, lieber heimische Demokratien einführen sollen.

Die Wahrheit ist aber leider anders: Der Westen war bei jeder dieser Interventionen von bloßen Geschäftsinteresse geleitet. Solidarität und Mitleid spielten dabei nur propagandistische Rollen.

US-Soldaten in AfghanistanIch frage mich, ob es heute alles anders wäre, wenn wir  anstatt Militärstützpunkte Schulen in diesen Ländern aufgebaut hätten, in den man Lesen und Schreiben lernt, damit auch der Koran besser verstanden wird: Islam heißt nämlich Liebe und inneren Friede, nicht Scharia.

Ich frage mich, ob es heute alles anders wäre, wenn wir die Wirtschaft dieser Länder gefördert hätten, anstatt einfach unsere Waffen dorthin zu importieren.

Waffen: Export-Import

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