KAYLA, VANESSA UND GRETA: DREI FRAUEN, ZWEI SCHICKSALE. ZWISCHEN LEBEN UND TOD.

Kayla, Greta und Vanessa

Kayla Jean Mueller war 26 Jahre alt und kam aus Prescott, Arizona. Am Tag ihres Todes, gegen den 6. Februar 2015, befand sie sich aber als Geisel in Syrien, nachdem sie ein Jahr lang syrischen Flüchtlingen an der türkischen Grenze geholfen hatte.

Als der Tod Kaylas erklärt wurde, waren Vanessa Marzullo, 22, und Greta Ramelli, 21, seit wenigen Wochen in ihren Häusern in Brembate und Gavirate, zwei kleine Orte in der norditalienischen Region Lombardei, zurück. Davor befanden sich die zwei italienischen Entwicklungshelferin mehr als 150 Tage lang in den Händen von IS-Terroristen in Syrien.

Was haben diese drei Frauen noch gemeinsam? Was hält ihre Schicksale auseinander?

Schon in der Oberschule zeigte Kayla als Mitglied der Hilfsorganisation „Save Darfur Coalition“ Interesse für internationale humanitäre Hilfe. Im Jahre 2009 flog sie nach der Lehrerausbildung an der Northern Arizona University nach Indien, um in einem Kinderheim zu arbeiten und Englisch tibetanische Flüchtlinge zu lehren. Als Volontärin lehrte sie in den folgenden Jahren auch in Schulen und Hilfsorganisationen in Israel und im Westjordanland. Den anderen mochte sie aber auch in ihrer eigenen Gemeinschaft helfen: In einem Zentrum für HIV und AIDS arbeitete sie also 2011.

KaylaDas Drama der vor Gewalt in Syrien flüchtenden Familien brachte sie ein Jahr später an der türkischen Grenze, wo sie als Mitglied der humanitären Hilfsorganisation „Support to Life“ und einer örtlichen Nichtregierungsorganisation die Flüchtlinge aus Syrien unterstützte.

VanessaVanessa studiert interkulturelle Mediation, dazu Arabisch und Englisch. Nach der Teilnahme verschiedener Initiativen syrischer Flüchtlinge in Mailand, die ihr grausames Schicksal erzählen, verfolgt sie von 2012 an den Bürgerkrieg in Syrien. Die Informationen über den Konflikt verbreitet sie durch soziale Netzwerke und Blogs. Für Syrien organisiert sie auch Unterstützungsveranstaltungen.

GretaGreta hat sich hingegen für das Studium Gesundheits- und Krankenpflege entschieden. Als ehrenamtliche Rettungssanitäterin verbringt sie im Jahre 2011 vier Monate in Sambia, im südlichen Afrika, wo sie in therapeutischen Ernährungszentren für Menschen mit HIV/AIDS und bei Comboni-Missionaren arbeitet. Mit den Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa verbringt sie im Dezember 2012 drei Wochen in den Elendsvierteln von Kalkutta. Von 2013 an ist sie in italienischen Aufnahmeeinrichtungen für syrische Flüchtlinge durch mehrere Freiwilligenorganisationen aktiv.

Zusammen mit Roberto Andervill, einem 46 jährigen Volontär, gründen Greta und Vanessa im März 2014 das Projekt „Horryaty – Gesundheitsversorgung Syriens“, dessen Ziel sei, Geld für Medikamente und Bedarfsgüter zu sammeln. Kurz danach führen die Drei eine Sondierungsmission in Idlib, rund 50 Kilometer südwestlich von Aleppo, durch. Für eine zweite Mission fliegen dann im Juli nur Vanessa und Greta nach Syrien.

Im August 2013 wurde Kayla in Aleppo von Jihadisten verschleppt, nachdem sie ein Krankenhaus der Organisation “Ärzte ohne Grenzen” verlassen hatte. Das verlangte Lösegeld war rund 5 Millionen US-Dollar.

Drei Tage nach deren Anfahrt in Syrien werden die zwei Italienerinnen in Abizmu von syrischen Terroristen entführt. Für deren Befreiung werden von den Entführer 12 Millionen US-Dollar verlangt.

Auch in diesem Fall verfolgte die USA ihre klare Linie: kein Lösegeld. Am 6. Februar erklärte der IS auf einer Extremisten-Webseite, die US-Entwicklungshelferin sei bei einem jordanischen Luftangriff nahe der syrischen Stadt Raqqa ums Leben gekommen. Den Tod Kaylas bestätigte das Weiße Haus aber nur am Dienstag, 10. Februar. Der Grund ihres Tod sei bis heute noch unklar.

“Greta Ramelli und Vanessa Marzullo kehren bald nach Italien zurück”, teilt am 15. Januar ein Regierungssprecher in Rom auf Twitter mit. An derselben Nacht kommen die beiden Frauen auf einem Militärflughafen nahe Rom an.

Der Tod der amerikanischen IS-Geisel Kayla Mueller löste große Bestürzung in den USA und der ganzen Welt aus. Präsident Barack Obama sagte am Dienstag, sein Herz sei gebrochen.

Nach deren Rückkehr in Italien werden Vanessa und Greta von mehreren Politikern attackiert.

Der Tweet Gasparris„Oberflächlich, verantwortungslos und naiv“ nannte sie ein Stadtrat der Lombardei, der noch dazu sagte: „Die beiden waren in Syrien nur um Selfies zu machen.“ „#VanessaeGreta haben mit den Terroristen in Sex eingewilligt!? Und wir zahlen dafür! @forzaitalia“, postet der Vizepräsident des italienischen Senats Maurizio Gasparri auf seinem Twitter, nachdem er sich darüber auf einer unglaubwürdigen Webseite informiert hat.

Auch ein großer Teil der öffentlichen Meinung spart mit Kritik an den zwei jungen Frauen nicht.

Die Facebook-Seiten gegen Greta und Vanessa, die in den Tagen nach der Befreiung erstellt wurden, sind mehr als die gegen den Kapitän der Costa Concordia Francesco Schettino, der für den Tod 32 Menschen verantwortlich ist. Einige lokalen Zeitungen der Lombardei sahen sich dazu gezwungen, die viele Beschimpfungen gegen Greta und Vanessa auf deren Webseiten und sozialen Netzwerken zu zensieren.

Das Schicksal Gretas und Vanessas wurde von vielen mit dem der Marinesoldaten Massimiliano Latorre und Salvatore Girone verglichen, die seit 2012 wegen Mordes eines Fischers in Indien verhaftet sind. „Für zwei verwöhnten Stöpsel bezahlt die Regierung Millionen, während unsere Soldaten, die nur ihre Arbeit machten, in einem indischen Gefängnis schmoren gelassen werden.“ und „Schicken wir die beiden zurück nach Syrien und holen wir unsere Soldaten zurück“, waren die häufigsten Kommentare.

Von der US-Helferin und ihren guten Taten wurde in diesen Tagen mit großem Respekt in Italien gesprochen. Angesichts des Dramas dieser 26 jährigen ermordeten Unschuldige hat sich keine getraut, ein Wort über eine mögliche Oberflächlichkeit, Verantwortungslosigkeit oder Naivität vonseiten Kaylas zu sprechen.

Also nun die Frage: Wären Vanessa und Greta in zwei Särgen nach Italien zurückgekommen, hätte die Öffentlichkeit sie anders behandelt? Muss man tot sein, um respektiert zu werden?

Kayla Jean Mueller

https://www.youtube.com/watch?v=flA0xBycKzM&list=PLkTT85O3gT1suC0LkdxHOSt0Xa1W58EfT

“Because silence is participation in this crime”

Kayla Jean Mueller

1988-2015

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s